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Endlagersuche

54 Prozent des Landes bleiben im Fokus

Foto: Kay Nietfeld/picture alliance/dpa

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Bernward Janzing, 28.09.20
Die Bundesgesellschaft für Endlagersuche hat heute ihren ersten Zwischenbericht vorgestellt. Danach kommen 90 Regionen in ganz Deutschland als möglicher Deponiestandort für hochradioaktive Abfälle infrage. Gorleben ist nicht dabei.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hat nach drei Jahren Arbeit Deutschland zweigeteilt: Rund 54 Prozent der Landesfläche werden im ersten Schritt grundsätzlich als möglicher Standort für ein atomares Endlager betrachtet, die verbleibenden 46 Prozent fallen aus dem weiteren Verfahren heraus. Mit Ausnahme des Saarlands sind alle Bundesländer noch vertreten - der Standort Gorleben ist indes bereits ausgeschieden.

Vom Sonderfall Gorleben abgesehen, über dessen Behandlung lange spekuliert worden war, birgt die Karte der potenziellen Flächen bei grober Betrachtung wenig Überraschendes. Denn von Anfang an ging es allein um die drei Wirtsgesteine Ton, Steinsalz und Kristallin, womit überwiegend Granit gemeint ist. Von vornherein ausgeschlossen waren Regionen mit großräumigen Vertikalbewegungen wie etwa das Alpenland und seismisch aktive Gebiete wie der Rheingraben oder die Schwäbische Alb.

Die BGR-Experten ermittelten 90 Teilgebiete, die prinzipiell als Endlagerstandort infrage kommen. 60 dieser potenziellen Lagerstätten liegen in steil stehenden Steinsalzformationen, also Salzstöcken, 14 im flachen – dem sogenannten stratiformen – Steinsalz. Die Salzgebiete nehmen eine Fläche von etwas mehr als 30 000 Quadratkilometern ein. Im Tongestein hat die BGE neun Teilgebiete mit einer Fläche von knapp 130 000 Quadratkilometern verortet, sieben Teilgebiete mit einer Fläche von knapp 81 000 Quadratkilometern befinden sich in kristallinem Wirtsgestein.

In den nächsten Schritten sollen nun die geeigneten Regionen immer weiter eingegrenzt werden. Nachdem bisher allein geologische Faktoren betrachtet wurden, spielen im weiteren Verlauf auch Kriterien wie Sicherheit, technische Machbarkeit oder die Siedlungsdichte eine Rolle. Am Ende sei „für 2031 der Standortvorschlag angestrebt“, heißt es bei der BGE. Bislang ist allerdings nichts festgelegt. „An der Größe der Teilgebiete lässt sich leicht erkennen, dass wir von einer Vorentscheidung für einen Standort noch ein gutes Stück entfernt sind“, sagte Steffen Kanitz, der in der BGE-Geschäftsführung für die Standortauswahl zuständig ist, bei der Vorstellung der ersten Ergebnisse.

Einige Umweltverbände hatten bereits im Vorfeld Kritik an dem Verfahren geäußert. Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation Ausgestrahlt, bemängelte etwa, dass die angewandten Kriterien nicht von Wissenschaftlern festgelegt worden seien: „Sie sind Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses, bei dem es den Landesregierungen darum ging, das eigene Gebiet zu schützen.“ Herausgekommen sei dabei ein Kriterienkatalog, der große Interpretationsspielräume lasse. Martin Donat, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg begrüßte zwar den Ausschluss von Gorleben, dieser sei „lange überfällig“ gewesen. Man habe in Gorleben vier Jahrzehnte lang Fairness, Augenhöhe und Transparenz „schmerzlich vermisst“. Zum neuen Verfahren sagte Donat: „Transparenz müssen die Behörden im gegenwärtigen Verfahren erst noch belegen, Augenhöhe müssen sich die Regionen erst noch erkämpfen, und ob es am Ende fair zugeht, hängt im Wesentlichen daran, ob Rücksprünge und Lernschritte überhaupt möglich sein werden.“ Ein gravierendes Problem bestehe darin, dass das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung finanzielle Mittel für unabhängige Expertisen verweigere, monierte auch Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Wir wissen kaum, wie wir die Datenlage so überprüfen sollen.“

Unterdessen bröckelt der mühsam erzielte bundesweite Konsens beim Auswahlverfahren auch auf Länderebene – wenn er denn dort je bestanden hat. Schon vor Veröffentlichung der mögiichen Teilgebiete hatte der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) immer wieder betont, er halte die bayerischen Granitvorkommen für ungeeignet und wolle sie aus dem Suchprozess ausschließen. Sein Amtskollege Franz Untersteller (Grüne) aus Baden-Württemberg reagierte auf Glaubers Ablehnung am Tag vor der Veröffentlichung des Auswahlberichts mit deutlicher Kritik: „Es ist unglaublich, wie Bayern versucht, sich aus dem Endlagersuchprozess zu stehlen und den nationalen Konsens aufzukündigen.“

Raimund Kamm, in Augsburg Vorstand der Bürgerinitiative Forum – Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik, rief dagegen zu mehr Konstruktivität bei der Endlagersuche auf. Er forderte alle Bürger auf, „sich die Ewigkeitsdimension des von unserer Generation geschaffenen Atommülls bewusst zu machen und nicht in kurzsichtigen Lokalheldenreaktionen zu verharren“. Wer nun meine, man möge das Problem doch besser europäisch lösen, solle sich klar machen, dass Deutschland innerhalb Europas wohl den geeignetsten Untergrund habe: „Eine europäische Lösung würde voraussichtlich auch den Strahlenmüll unserer Nachbarn zu uns bringen.“

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