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Wohnmobile

Nach SUV nun CUV

Foto: Tom Weller/dpa/picture-alliance

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Wohnmobile auf der Reisemesse CMT, die im Januar in Stuttgart stattfand

Jürgen Lessat, 14.04.20
Der Trend geht zum tonnenschweren „Caravan Utility Vehicle“: Auf der Stuttgarter Reisemesse CMT zeigt sich, dass Camping nicht zwingend nachhaltig ist. Die Klimakrise ist hier kaum ein Thema.

Der folgende Text stammt aus der Ausgabe 02/2020 von neue energie. Er ist vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie entstanden.


Auf der weltweit größten Tourismus- und Freizeitmesse CMT in Stuttgart ist die Welt noch in Ordnung. „Die CMT 2020 ist die größte und schönste CMT, die es jemals gab“, jubelte Messe-Geschäftsführer Roland Bleinroth zur Eröffnung. Ein wachsendes Bewusstsein für den ökologischen Fußabdruck oder gar die jüngst viel diskutierte Flugscham täten dem Reisen an sich glücklicherweise keinen Abbruch, betonte er. Im Gegenteil: „Die Reiselust ist ungebrochen. Der weltweite Tourismus steuert auf das zehnte Rekordjahr in Folge zu.“

2161 Aussteller aus 100 Ländern seien neue Rekordwerte für die Messe, so Bleinroth. Mit 1200 Fahrzeugen und 120 neuen Modellen präsentiere man zudem den „größten und vielfältigsten Caravaning-Bereich aller Zeiten“. Das Angebot kommt zur rechten Zeit. „Der größte touristische Treiber in Deutschland ist Camping – es gibt kein Segment, das stärker wächst“, weiß Uwe Frers, Geschäftsführer von ADAC Camping. „Der Trend kennt nur eine Richtung: nach oben.“

Wer dabei an Reisen mit Rucksack und Zelt denkt, liegt falsch. Campingplätze in Nah und Fern steuern die meisten Urlauber heute motorisiert an. Klassisch mit eigenem Pkw und Wohnwagen im Schlepptau, auch als Caravan bezeichnet, oder immer häufiger im rollenden Eigenheim mit eigenem Motor: Wohnmobilisten erobern die Welt. Allein sechs der zehn riesigen Messehallen fungieren auf der CMT als Interimsparkplatz für die sogenannten Freizeitmobile, neudeutsch Caravan Utility Vehicle oder kurz CUV.

Wer kritischen Auges durch die Hallen streift, wähnt sich auf einem anderen Stern: Abgasskandal, Autobahnstaus und Parkplatznot sind kein Thema. Die bedrohliche Klimakrise, die der Verkehrssektor hierzulande weiter anfeuert? Nicht mehr als eine Fata Morgana. Stattdessen präsentieren die Hersteller ihre Neuheiten vor Großdisplays, die idyllische Seenlandschaften unter strahlend blauem Himmel zeigen. Während der zweiwöchigen Messe, die traditionell im Januar stattfindet, drängten sich in diesem Jahr am Ende über 300.000 Besucher durch die Ausstellungshallen.

„Die Caravaning-Branche brummt“, sagt ein Aussteller. Ob tonnenschweres Luxusheim auf Lkw-Fahrgestell, Mini-Van zum Selbstausbau oder klassischer Wohnwagenanhänger, alle gingen weg wie geschnitten Brot. „Wenn nicht, dann macht man was falsch“, so der Branchenkenner. Statistiken spiegeln den Boom wider: Neuzulassungen von Wohnwagen und Reisemobilen legten 2019 um 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Von einen „All-time-high“ von 80.000 Erstzulassungen spricht Kai Dhonau, Präsident des Deutschen Caravaning-Handels-Verbands.

Zum Stichtag 1. Januar 2019 waren laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) insgesamt 1,2 Millionen Freizeitfahrzeuge zugelassen. Mit rund 675.000 Stück stellten Wohnwagen noch knapp das größere Segment. Branchenkenner erwarten jedoch, dass es bald mehr Reisemobile als Wohnwagen in Deutschland gibt. Seit Anfang 2010 wuchs ihr Bestand um über 200.000 Fahrzeuge.

Spritverbrauch verschwiegen

Insgesamt liegt die Zahl der Freizeitfahrzeuge noch deutlich höher. Denn die KBA-Statistik erfasst nicht die Caravans der Dauercamper, die ohne Kennzeichen sind. Nach Hochrechnungen liegt der Wohnwagen-Bestand in Deutschland bei über 900.000. Ebenso fehlen im KBA-Register Fahrzeuge, die zum Stichtag vorübergehend außer Betrieb gesetzt waren. Zudem können Reisemobile auch als Pkw, Lkw oder Büromobil zugelassen sein, wodurch sie ebenfalls aus dieser Statistik fallen.

Was die einen jubeln lässt, treibt Umwelt- und Klimaschützern die Sorgenfalten auf die Stirn: „Wer mit Wohnwagen oder Reisemobil unterwegs ist, hat ein Eigenheim mit im Gepäck“, sagt Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Bis zu 3,5 Tonnen können Wohnmobile auf die Waage bringen, um noch mit Pkw-Führerschein gefahren zu werden. Ein Gewicht, das mit höherem klimaschädlichen CO2-Ausstoß zu Buche schlägt. „Zudem werden Wohnmobile öfter und weiter bewegt als früher“, sagt Lieb.

Wie viel Liter Sprit die Fahrzeuge schlucken, verrät keiner der Hersteller. Verbrauchsangaben sucht man auf der CMT vergeblich. Touchscreens und Prospekte verraten nur Fahrzeuggröße und Schlaffläche. „Verbrauchsmessungen sind bei Reisemobilen noch nicht vorgeschrieben“, erklärt ein Aussteller. Mit acht bis neun Liter lasse sich ein kleineres Wohnmobil fahren, versichert er. Die gängige Motorisierung basiere auf den gleichen Dieselmotoren, die in gewöhnlichen Kastenwagen verbaut sind. Alle Motoren erfüllten bereits die strengste Abgasnorm Euro 6d-TEMP.

„Wohnmobile sind sicher nicht das klimafreundlichste Verkehrsmittel, um von A nach B zu kommen“, sagt Jürgen Resch, Vorsitzender der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Wie im Pkw-Segment seien die Fahrzeuge in Größe, Gewicht und Ausstattung in den letzten Jahren immer weiter gewachsen. Im Gegensatz zu SUV würden Wohnmobile aber üblicherweise nicht für alltägliche Besorgungsfahrten verwendet, in vielen Fällen würden sie in Form von Carsharing genutzt, betont Resch.

Dass nahezu 100 Prozent der Wohnmobile mit Dieselmotoren angetrieben werden, ärgert Resch dagegen. „Der Fiat Ducato ist dabei beispielsweise ein besonders verbreitetes, aber auch leider ein besonders schmutziges Diesel-Modell“, so der DUH-Chef. Für diesen wie für Motoren von VW und Daimler seien Hardware-Nachrüstungen verfügbar, mit denen der Stickoxid-Ausstoß gesenkt werden könnte.

Spaß vor CO2-Sparen

Geht es nach der Freizeitfahrzeug-Branche, dann sind Urlaubsfahrten mit dem eigenen Apartment dagegen nachhaltig. Hersteller und Lobbyisten berufen sich auf eine Studie des Öko-Instituts von 2006 und deren Aktualisierung im Jahr 2012, in der im Auftrag des Caravaning-Industrieverbands verschiedene Reiseformen auf ihren ökologischen Fußabdruck untersucht wurden. Die Ergebnisse der vier untersuchten Reiseziele zeigen, dass Wohnmobilfahrten stets mit geringeren CO2-Emissionen verbunden sind als Reisen mit Flugzeug oder Pkw und Hotelübernachtungen.

Der Umweltvorteil fällt umso höher aus, je mehr Personen gemeinsam im Wohnmobil reisen und je kürzer die Wegstrecke ist. Im Umkehrschluss sinkt der Umweltvorteil des Wohnmobils gegenüber Flugzeug und Pkw mit steigender Entfernung zum Urlaubsziel. Die geringsten Treibhausgasemissionen erzeuge in den meisten Fällen die Fahrt mit einem Reisebus.

Klimakrise und Caravanurlaub? „Das Thema spielt bei den Besuchern keine Rolle“, heißt es bei den Ausstellern auf der CMT. Erstaunlich viele Teilnehmer in Online-Foren würden „den menschengemachten Klimawandel leugnen oder zumindest verharmlosen“, schreibt auch der Wohnmobil-Blogger Jörg Rüblinger. Bei einigen Kommentaren habe er den Eindruck, dass man sich keinesfalls den Spaß am „Umherfahren“ mit dem tollen Wohnmobil vermiesen lassen möchte. Um sich keine Gedanken über eine mögliche Verhaltensänderung machen zu müssen, würden die wildesten Verschwörungstheorien aufgestellt.

Dass es auch anders geht, beweist der Verein „Wohnmobil für Klimaschutz“, den begeisterte Camper im November gegründet haben. Mit dem Jahresbeitrag von einem Cent pro gefahrenen Kilometer wollen die Mitglieder Bäume pflanzen, die CO2 binden. Der erste Baum wurde zur Gründungsversammlung auf einem Wohnmobilstellplatz in Wiesbaden gesetzt. Auf der CMT warben die Wohnmobilisten für ihre Idee. „Wir haben viel positive Resonanz erfahren“, so deren Messefazit.

 

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