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Autoabgase

Frische Luft für Großstädter

Frank-Thomas Wenzel, 01.03.18
Amsterdam und Oslo versuchen seit Jahren, den innerstädtischen Verkehr auf emissionsarme Elektrofahrzeuge umzustellen – mit Erfolg: Viele Bürger sind bereits auf E-Autos umgestiegen, auch wenn es mancherorts noch an Ladesäulen mangelt.

Anno 2010: In der EU werden die Richtlinien zur Luftreinhaltung in Städten scharf geschaltet. Während Bürgermeister in Deutschland das geflissentlich ignorieren, machen die Verantwortlichen in Amsterdam ernst. Die Stadt beschließt einen sehr ambitionierten 15-JahresPlan: so viel Verkehr mit null Emissionen wie nur möglich im Jahr 2025. Denn für eine lebenswerte Stadt sei gesunde Luft ein Gebot, weil draußen zu sein so zu einem Vergnügen werde, heißt es auf der Website der Stadtverwaltung.

Seit sieben Jahren nun wird der Plan umgesetzt. Ein zentrales Element: ein Maximum an Elektromobilität in der Stadt. Und das bedeutet eine möglichst optimale Ladeinfrastruktur für die Stromer. Besuchern fällt es sofort auf: Überall in der Stadt stehen Ladesäulen. Nicht nur an den großen Grachten, auch in kleinen Seitenstraßen und in Wohngebieten. Was auf den ersten Blick zufällig wirkt, hat Kalkül. Seit 2013 begleitet die örtliche Universität für angewandte Wissenschaften (AUAS) den Ausbau der Infrastruktur.

Die Zahl der Ladesäulen wird in Kooperation mit den Energieunternehmen Essent und Nuon stetig ausgebaut. Ende nächsten Jahres sollen es insgesamt 4000 öffentliche Ladepunkte an etwa 2000 Säulen im Stadtgebiet sein. Zum Vergleich: Berlin kommt als deutscher Ladesäulen-Meister auf rund 330 Zapfstellen. Der Halter eines E-Autos muss sich in Amsterdam bei der Kommune anmelden, wenn er für einen bestimmten Bezirk Zugang zu dem von der Stadt betriebenen Ladenetzwerk haben will. Dadurch wissen die Verantwortlichen, wie und wo sich der Bedarf entwickelt.

Daten aus der Ladesäule

Das Hauptaugenmerk der AUAS-Wissenschaftler gilt den Daten, die die Ladesäulen liefern. Das soll Vorhersagen über das Ladeverhalten ermöglichen und vor allem den wachsenden Bedarf an Elektro-Zapfsäulen antizipieren. Wie intensiv werden sie von Privatleuten und Unternehmen genutzt? Wie lange stehen Autos an den Stromtankstellen? Eine Antwort: Viel länger als die Ladezeiten – es handelt sich schlicht und einfach auch um begehrte Parkplätze in den vielfach engen Straßen.

Das bedeutet aber, dass Ladezeiten durchaus länger sein können. Es braucht also nur bedingt die extrem teuren Hochgeschwindigkeitslader. Zumal die AUAS-Analysen ergeben haben, dass in Wohngebieten die Hauptladezeiten zwischen Mitternacht und sieben Uhr morgens liegen. In Gewerbegebieten hingegen schießt die Zahl der ans Kabel geklemmten Fahrzeuge gegen Mittag in die Höhe.

All diese Erkenntnisse ermöglichen nach Angaben von Amsterdam Electric, der städtischen Agentur für die Elektrifizierung des Verkehrs, einen kontinuierlichen Ausbau der Ladeinfrastruktur, der sich an der tatsächlichen Nachfrage orientiert, und zwar nicht nur für private Pkw, sondern auch für E-Taxis und stromgetriebene Lieferwagen, deren Zahl ständig steigt. Ein Schwerpunkt im nächsten Jahr soll die Errichtung zusätzlicher Stromzapfstellen in Parkhäusern sein.

Oslo kommt nicht hinterher

Geld verdienen kann derzeit noch niemand mit der öffentlichen Ladeinfrastruktur. Vielmehr wird aus dem Stadtsäckel für die Installation der Säulen, den Netzanschluss und die Instandhaltung draufgelegt. Ziel sei aber, dass sich die Ladeinfrastruktur selbst trage, durch die Einnahmen, die die Betreiber aus dem Stromverkauf erzielen wollen, so Amsterdam Electric.

Der wissenschaftlich überwachte Ausbau des E-Tankstellennetzes soll verhindern, was gerade in der anderen europäischen Vorzeigestadt für Elektromobilität Kopfschmerzen bereitet. Im Großraum Oslo sind aktuell schon 40 Prozent aller Neuwagen Stromer. Rund 80 000 Pkw mit Steckdose rollen über die Straßen. Den Fahrern stehen aber nur rund 1300 öffentliche Ladestationen zur Verfügung. Man tue, was man könne, aber die Zahl der Fahrzeuge wachse schneller als die der Säulen, teilt die Stadtverwaltung mit.

Die norwegische Vereinigung der Elektroautofahrer hat laut Medienberichten jüngst sogar empfohlen, dass sich nur noch Hauseigentümer mit privater Lademöglichkeit derzeit einen Batterieelektrischen zulegen sollten. Die Osloer Verwaltung appelliert indes an die Eigentümer von Mehrfamilienhäusern, zumindest in den Tiefgaragen Steckdosen zu installieren. Die Stadt jedenfalls will nun das gesamte System effizienter machen, mit Schnellladern und Mobilitätshäusern, wo auch Fahrräder, Motorräder und Roller mit E-Antrieb Strom beziehen können.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe 1/2018 von neue energie.

 

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