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Weltklimarat

„Was im IPCC-Report steht, ist politisch nicht mehr verhandelbar“

Interview: Astrid Dähn, 02.09.21
... sagt Dirk Notz, Meteorologieprofessor und einer der Leitautoren des Berichts. Aus seiner Sicht muss die Weltgemeinschaft ihren Treibhausgas-Ausstoß sofort drastisch verringern. Die nächsten vier Jahre seien entscheidend dafür, wie wirksam die Menschheit den Klimawandel noch in Schach halten kann.

neue energie: Bei der Präsentation des neuen IPCC-Reports in Genf hieß es, das Dokument sei ein 'Realitäts-Check'. Was sagt der Bericht denn über unsere Klimarealität?

Dirk Notz: Der Bericht sagt klar, dass wir unsere CO2-Emissionen sehr schnell und sehr gravierend senken müssen, wenn wir das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen wollen. Umgekehrt macht er deutlich, dass das, was wir bisher gemacht haben, dafür bei Weitem nicht ausreicht. Insofern ist er ein Realitäts-Check.

ne: Was sind nach Ihrer Einschätzung die wichtigsten Erkenntnisse des Reports, auch verglichen mit den Vorgängerberichten?

Notz: Am wichtigsten finde ich gleich die erste Aussage. Im ersten Satz steht, dass ganz eindeutig wir Menschen das Klima erwärmt haben. Diese Hervorhebung des menschlichen Einflusses, die zum ersten Mal ohne jegliches Wenn und Aber daherkommt – wir sind uns da wirklich ganz sicher –, die macht den neuen Bericht so stark.

ne: Mit natürlichen Schwankungen, verursacht etwa durch die Sonnenaktivität oder Vulkanausbrüche, lassen sich die Veränderungen also nicht mehr erklären?

Notz: Nein. Natürliche Schwankungen haben zwar in der Erdgeschichte schon immer zu Klimawandel geführt, in den letzten Jahrzehnten waren sie aber so schwach, dass sie zu keiner deutlichen Klimaerwärmung hätten führen können. Der menschliche Einfluss war im Vergleich dazu wesentlich größer. Für mich ist das auch deshalb eine relevante Erkenntnis, weil sie gleichzeitig bedeutet, dass wir Menschen es in der Hand haben, wie die Zukunft aussieht.

ne: Der Report blickt auch weit in die Zukunft...

Notz: Ja, das ist der zweite Punkt, der ihn von früheren Berichten unterscheidet. Er macht längerfristige Perspektiven auf, und zwar in beide Richtungen, in die Zukunft und in die Vergangenheit hinein. Das zurückliegende Jahrzehnt war beispielsweise so warm, wie es auf der Erde zum letzten Mal vor über 100 000 Jahren war.

ne: Die Veränderungen, die wir gerade erleben, sind demnach einmalig in der Erdgeschichte?

Notz: Vermutlich nicht, wenn wir die gesamte Erdgeschichte betrachten, aber wenn wir uns den Teil anschauen, in dem die menschliche Zivilisation entstand, dann ja. Wir hatten zum Beispiel seit mindestens zwei Millionen Jahren nicht mehr so viel Kohlendioxid in der Luft wie heute. Auch die derzeitige Ozeanversauerung, die ja mit dem Kohlendioxidausstoß zusammenhängt, ist über diesen Zeitraum betrachtet außergewöhnlich. Der Meeresspiegel steigt im Moment schneller als in den letzten 3000 Jahren. Nicht nur die Stärke der Änderung, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der die Prozesse ablaufen, nimmt rasant zu. Der Bericht sagt sehr deutlich, dass wir uns auf dem Weg in einen Klimazustand befinden, den unsere heutige Zivilisation noch nie erlebt hat.

ne: Wir wagen gewissermaßen ein globales Experiment...

Notz: Genau. Es ist ein soziologisches Experiment mit einer hochentwickelten Zivilisation, die sich seit der Steinzeit über tausende von Jahren weitestgehend unbehelligt vom Klimawandel entwickeln konnte. Diesen stabilen Zustand beenden wir jetzt und schauen, wie die Zivilisation darauf reagieren wird. Große Teile der Ökosysteme werden sich irgendwie anpassen können, aber unsere Infrastruktur, wie wir Nahrungsmittel produzieren, die Lage unserer Küstenstädte – das alles baut auf dem stabilen Zustand der letzten Jahrtausende auf und wird teilweise nicht mehr zu den möglichen Szenarien passen, die wir bei erheblich fortschreitendem Klimawandel künftig erwarten.

ne: Der IPCC-Bericht untersucht für die Zukunft exemplarisch fünf verschiedene Klimaszenarien, je nachdem, wie sich der Treibhausgas-Ausstoß in den kommenden Jahrzehnten entwickelt. Nur zwei dieser Pfade erlauben, die globale Erwärmung unterhalb der Zwei-Grad-Grenze zu halten (siehe Grafiken Seite 62)...

Notz: Wir haben mittlerweile schon eine weltweite Temperaturerhöhung von knapp 1,1 Grad Celsius. Wenn wir die 1,5-Grad-Marke einhalten wollen, wie im Pariser Klimavertrag vorgesehen, dann bleibt uns sogar nur noch ein Pfad, dann müssten wir unseren Treibhausgas-Ausstoß entsprechend dem allerniedrigsten Szenario reduzieren.

ne: Was hieße das für die Menge an CO2, die die Menschheit noch in die Atmosphäre blasen dürfte?

Notz: Wenn wir das Anderthalb-Grad-Ziel zumindest mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit erreichen wollen, dann hätte die Menschheit insgesamt seit Beginn letzten Jahres noch etwa 400 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen dürfen. Davon sind 40 Milliarden Tonnen im letzten Jahr schon weggegangen, weil das momentan dem jährlichen Gesamtausstoß entspricht. Bricht man die verbleibende Menge entsprechend der Bevölkerungszahl auf Deutschland herunter, dann hat Deutschland in diesem Fall noch knapp vier Milliarden Tonnen übrig. Im Moment emittieren wir hierzulande jährlich rund 800 Millionen Tonnen CO2. Das heißt, Deutschland hätte sein Budget bei jetzigem Ausstoß innerhalb der nächsten fünf Jahre aufgebraucht.

ne: Was passiert, wenn wir trotzdem weitermachen wie bisher?

Notz: Wenn wir weiter ungebremst Treibhausgase ausstoßen, die Emissionen vielleicht sogar noch deutlich erhöhen, dann könnten wir im obersten Szenario landen, mit einer Erwärmung, die zum Ende des Jahrhunderts jenseits von vier Grad Celsius liegen wird.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Den ausführlichen Text lesen Sie in der Ausgabe 09/2021 von neue energie.


Dirk Notz

ist Professor für Kryosphäre am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg, gleichzeitig leitet er die Forschungsgruppe  „Meereis im Erdsystem“ am Max-Planck- Institut für Meteorologie. Beim 6. Sachstandsbericht des IPCC war er Leitautor in Kapitel 9 „Ozean, Kryosphäre und Veränderungen des Meeresspiegels“.

 

Die jüngste Inventur der Klimaforschung

Anfang August hat der Weltklimarat (IPCC) den ersten Teil seines sechsten Sachstandsberichts veröffentlicht. An den zwölf Kapiteln des Reports haben insgesamt 234 Autorinnen und Autoren aus 65 Ländern mitgeschrieben und dafür rund 14 000 wissenschaftliche Publikationen begutachtet. Tausende weitere Fachleute aus aller Welt waren an der Überarbeitung des Textes beteiligt. Das Ergebnis ist eine Art Metastudie, die den aktuellen Kenntnisstand zu den physikalischen Grundlagen des Klimawandels zusammenfasst und in der internationalen Forschergemeinde als Konsens gilt. Zu Beginn nächsten Jahres sollen zwei weitere Teile des sechsten Berichtszyklus erscheinen: im Februar zu den Folgen des Klimawandels und geeigneten Anpassungsstrategien, im März zu möglichen Schutzmaßnahmen, um den globalen Veränderungen entgegenzuwirken.

 

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