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Umweltverschmutzung

Plastikmüll im Meer verstärkt Klimawandel

Foto: picture alliance/dpa/Sigrid Harms

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Angeschwemmter Müll in einem Tümpel auf einer kleinen Insel vor der norwegischen Stadt Bergen.

Margit Hildebrandt, 13.07.21
Immer mehr Kunststoffe landen in Gewässern und werden dort zu kleinsten Mikroteilchen zersetzt – mit schwerwiegenden Folgen für die Ökosysteme und die biologische Artenvielfalt, aber auch für das Klima. Eine neue Studie spricht von einer „globalen Bedrohung“.

Zwischen neun und 23 Millionen Tonnen Plastik wurden im Jahr 2016 weltweit in Ozeane, Flüsse und Seen gespült, eine ähnliche Menge sei geschätzt in dem Jahr in Ökosysteme an Land gelangt. Das zeigt eine neue Übersichtsstudie unter Beteiligung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) im Fachmagazin Science. Das Forscherinnenteam aus Deutschland, Schweden und Norwegen warnt vor „Auswirkungen von globalem Ausmaß“, die sich kaum mehr rückgängig machen ließen.

„Plastik ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, und es sickert überall in die Umwelt, selbst in Ländern mit einer guten Infrastruktur für die Abfallbehandlung“, sagt Hauptautor Matthew MacLeod von der Universität Stockholm. Die Emissionen würden sogar steigen, obwohl das Bewusstsein für Plastikverschmutzung in Wissenschaft und Öffentlichkeit in den letzten Jahren deutlich zugenommen habe.

Jedoch könne nur an wenigen, dann zumeist gut zugänglichen Orten der Abfall wieder beseitigt werden. „In abgelegenen Umgebungen kann Plastikmüll nicht durch Aufräumarbeiten entfernt werden, und die Verwitterung großer Plastikteile führt unweigerlich zur Entstehung einer großen Anzahl von Mikro- und Nanoplastikpartikeln sowie zur Auswaschung von Chemikalien, die dem Plastik absichtlich zugesetzt wurden“, sagt Co-Autorin Annika Jahnke vom UFZ und der Universität Aachen. Wo sich die Kunststoffe in der Umwelt anreicherten und welche Auswirkungen sie verursachen könnten, sei schwierig vorherzusagen.

Mikroplastik belastet Tiere und Pflanzen

Die Studie führt eine Reihe von Beispielen für mögliche Umweltschäden auf. So seien laut Co-Autorin Mine Tekman vom AWI in mehr als 2600 Tier- und Pflanzenarten sowie Mikroorganismen Plastikmüll nachgewiesen worden, in hunderten von Studien die negativen Auswirkungen auf Meeresorganismen beschrieben worden, etwa zur Toxizität, Sterblichkeit, zu Verhaltensänderungen, zur Mobilität oder zum Sauerstoffverbrauch.

Die Mikroplastik-Partikel würden auch den Klimawandel verschärfen, weil sie in den Ozeanen die „biologische Kohlenstoffpumpe“ störten. Dieser natürliche Mechanismus sorge normalerweise dafür, dass Kohlendioxid aus der Atmosphäre in den oberen Schichten der Meere von Blaualgen und Phytoplankton gebunden wird, nach deren Absterben in die Tiefe sinkt und dort als Nahrung diene. Das Mikroplastik hemme jedoch deren Wachstum, wodurch weniger CO2 gebunden werde. Außerdem stünden so weniger Nährstoffe in der Tiefsee zur Verfügung.

Die Plastikverschmutzung verstärke die Belastung der Ozeane, die ohnehin bereits dem Temperaturanstieg, der Versauerung und der Überfischung ausgesetzt sind. Hinzu käme, dass Plastik, wenn es erst mal auf den Meeresboden gesunken und damit nicht mehr so stark der Verwitterung infolge Sonneneinstrahlung oder höherer Temperaturen ausgesetzt ist, sehr langlebig sei.

Recycling und Aufsammeln reicht nicht

Laut Mine Tekman sei der Plastikmüll nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch ein politisches und wirtschaftliches. Recycling würde da nicht ausreichen, da es viele technische Einschränkungen habe. „Die Welt fördert technologische Lösungen für das Recycling und um Plastik aus der Umwelt zu entfernen“, sagt Tekman. „Als Verbraucher und Verbraucherinnen glauben wir, dass alles auf magische Weise recycelt werden kann, wenn wir unseren Plastikmüll richtig trennen.“ Zudem würden Länder, die über eine gute Infrastruktur verfügen, ihren Plastikmüll in Länder mit schlechteren Einrichtungen exportieren.

Bis zum Jahr 2025 könnten sich die Abfallmengen sogar verdoppeln, sollte die Weltbevölkerung nichts an ihrem Umgang mit Plastik ändern. „Die Kosten, die entstehen, wenn man die Anhäufung von langlebiger Plastikverschmutzung in der Umwelt ignoriert, könnten enorm sein“, sagt Matthew MacLeod. Das Vernünftigste sei es, so schnell wie möglich zu handeln, um den Eintrag von Plastik in die Umwelt zu reduzieren.

Seit diesem Monat (3. Juli 2021) gilt das bereits 2019 vom Europaparlament verabschiedete Einwegplastik-Verbot auch auf nationaler Ebene. Viele Einwegprodukte, darunter Trinkhalme, Wattestäbchen aus Kunststoff oder Einweg-Geschirr, auch To-go-Becher und Wegwerf-Essensbehälter aus Styropor, dürfen nun nicht mehr produziert und in den Handel gebracht werden. Seit Januar gilt außerdem ein EU-weites Exportverbot für schwer recycelbare Kunststoffabfälle, die vermischt oder verschmutzt sind.

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