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Nachhaltigkeit

Lernen für das Leben in der Zukunft

Patrick Pleul / dpa Zentralbild / picture alliance

Patrick Pleul / dpa Zentralbild / picture alliance

Ort mit bewegter Vergangenheit und spannender Zukunft: Auf dem ehemaligen Militärgelände Wünsdorf will Ekhart Hahn die Eco City bauen. Bei dem gelben Gebäude handelt es sich um das Haus der Offiziere.

Michael Hahn, 31.08.20
Um den Herausforderungen von Klimawandel, Luftverschmutzung und Ressourcenverbrauch zu begegnen, müssen Städte nachhaltiger werden. Wie das aussehen könnte, will ein Stadtforscher in Wünsdorf bei Berlin erproben. Es geht um Zellen, Kreisläufe und die Rückkehr zum Lokalen.

Noch klingt der Plan ziemlich utopisch: Wo früher Soldaten des Kaisers, anschließend Wehrmachttruppen und danach Sowjetsoldaten mitsamt Kriegsgerät untergebracht waren, könnte das Leben der Zukunft entwickelt, erprobt und gelehrt werden. In der ehemaligen Militärstadt Wünsdorf 40 Kilometer südlich von Berlin soll auf rund 100 Hektar die „Eco City“ entstehen, eine Modellstadt inklusive Versorgung mit erneuerbaren Energien, Kreislaufwirtschaft und nachhaltigen Mobilitätslösungen.

„Der Klimawandel wird in den Städten entschieden“, ist Ekhart Hahn überzeugt. Sie seien durch ihre fossil geprägte Entwicklung und Bodennutzung einer der Hauptverursacher des Klimawandels. Der 78-jährige Professor und Kopf hinter Eco City gilt als Begründer der Siedlungsökologie und des ökologischen Stadtumbaus. Nach seinem Studium der Architektur und Stadtplanung leitete Hahn zahlreiche Modellprojekte und initiierte nationale wie internationale Forschungsvorhaben. Zudem arbeitete er als Hochschullehrer an Universitäten im In- und Ausland. Seit 2016 widmet er sich dem Projekt Eco City.

Laut Hahn soll dabei erstmals das Konzept des ökologischen Städtebaus konsequent umgesetzt werden. „Ich habe seit 30 Jahren Projekte durchgeführt und dabei immer wieder festgestellt, dass die anfangs festgelegten Ziele nach und nach verloren gehen oder aufgeweicht werden“, sagt er. „Mein Schluss aus diesen Erfahrungen ist, wir müssen über die Modellphase hinauskommen und brauchen eine Laborsituation.“ Zudem fehle es an einer systematischen Ausbildung für „die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts: den nachhaltigen und klimagerechten Umbau unserer Städte“.

Wissen für die Welt

In der Laborsituation sollen verschiedene Einzelbereiche systematisch weiterentwickelt und vernetzt werden. „Wie hängt Mobilität mit Energie, aber auch mit Wasser und Kreislaufkonzepten zusammen? Erst in der Vernetzung können die einzelnen Sektoren wirksam werden“, so Hahn. Das Wissen und die Erfahrungen aus Wünsdorf soll dann in die ganze Welt getragen werden.

Als Vorbild für das Eco-City-Konzept dient die Natur. „Die postfossile Stadt der Zukunft ist zellular und vernetzt“, sagt Hahn. Das bedeutet, dass sich einzelne kleine Städte, Dörfer oder Quartiere so weit wie möglich selbst mit Lebensmitteln, Energie und anderen Ressourcen wie Baustoffen oder Dienstleistungen versorgen. Jede dieser Zellen verfügt dabei über eigene Energie-, Wasser- und Nährstoffkreisläufe sowie Mobilitätslösungen. Die Kreislaufwirtschaft soll nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“, sinngemäß „vom Ursprung zum Ursprung“, funktionieren.

Eine Großstadt würde demzufolge aus mehreren einzelnen Zellen bestehen. Wie groß eine Zelle ist, müsste von Fall zu Fall entschieden werden. Laut Hahn ließen sich für den Anbau von Gemüse etwa Grünflächen oder Parkplätze umfunktionieren. Grundsätzlich soll bei dem Konzept der öffentliche Raum für die Menschen zurückgewonnen und das Geschehen von lokalen Akteuren bestimmt werden. Das Prinzip dahinter ist nicht neu: „Es gibt bestimmte Grundlagen der Nachhaltigkeit, die eine 10.000 Jahre alte Tradition haben. Alte Siedlungskulturen, beispielsweise in China, Japan oder Südamerika, waren immer zellular organisiert. Da müssen wir wieder hin – nun aber auf dem Niveau des postindustriellen beziehungsweise post-fossilen Zeitalters“, sagt Hahn.

Eco City habe vier Dimensionen: eine ökologische, bei der es um lokale Energiesysteme und integrierte Wasser- oder Stoffkreisläufe gehe. Eine wirtschaftliche, mit lokaler Wertschöpfung, einer Sharing-Ökonomie und Konsumenten, die zu Produzenten werden. Eine kulturelle, weil in der Eco City Raum für Spiel, Kunst und Kultur in Nachbarschaft und Quartier sein soll. Und eine soziale: Das Zusammenleben soll von Teilhabe, Mitbestimmung und Mitgestaltung geprägt sein. Dazu zähle auch lebenslanges Lernen und Arbeiten.

Selbstversorgung aus Erneuerbaren

Ob das alles funktionieren kann, soll in Wünsdorf zunächst getestet werden. Als Herzstück des Areals ist die sogenannte Eco Station vorgesehen. In dieser laufen die zellulären Energie-, Wasser- und Stoffkreisläufe der Stadt zusammen. Die energetische Selbstversorgung erfolgt aus lokal erzeugten erneuerbaren Energien, angeschlossen an ein Smart Grid. „In der Laborsituation kann ausprobiert werden, welche Technik und Speicherformen sich am besten unter den jeweils gegebenen Bedingungen dafür eignen“, so Hahn.

Ein Beispiel für die Vernetzung in Stoffkreisläufen ist Holz. Das bioökonomische Konzept der Eco City sieht vor, dass daraus durch Verbrennung Biokohle entsteht. Das dabei erzeugte Gas speist ein Blockheizkraftwerk, das die Siedlung mit Strom und Wärme versorgt.

Darüber hinaus wird die Wärme zum Anbau von Energiepflanzen und der Herstellung von Bodensubstrat genutzt, welches dann wieder für den Anbau von Holz zum Einsatz kommt. Die Biokohle wird außerdem neben anderen organischen Materialien als Filter für die Aufbereitung von Abwasser mit Nährstoffrückgewinnung verwendet.

Auf 20 Hektar Gartenland und 3,5 Hektar Fläche für Gewächshäuser können die Bewohner 80 Prozent ihres Bedarfs an Obst und Gemüse selbst anbauen. Dieses kann zudem an Besucher vermarktet werden – die Eco Station beinhaltet Restaurants, Läden und Platz für Events oder Workshops, die allen offenstehen. Die Stadt soll darüber hinaus mit den umliegenden Gemeinden, Berliner und Potsdamer Stadtquartieren sowie land- und forstwirtschaftlichen Flächen in der Region vernetzt werden.

Weitere Bausteine auf dem Gelände sind eine Mobilitätszentrale – hier werden Dienste wie Carsharing und Fahrradverleih gebündelt, die grüne Mitte der Stadt ist autofrei – sowie ein Campus und eine Akademie. Letztere soll laut Konzept dem Austausch dienen, insbesondere mit Regionen, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind oder sein werden. Denn vor allem dort sollen weitere Eco Cities entstehen.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Artikels. Den vollständigen Text lesen Sie in der Ausgabe 08/2020 von neue energie.

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