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Klimawandel

Golfstrom lahmt immer mehr

Foto: iStockphoto

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Satellitenbild des Golfstrom-Wassers: Wärmere, rötliche Farben zeigen höhere Temperaturen im Golf von Mexiko und rund um Florida.

Margit Hildebrandt, 04.03.21
Die Meeresströmung, die riesige Mengen an Wasser über den Globus transportiert und erheblichen Einfluss auf das Wetter hat, wird immer schwächer. Das könnte extreme Wetterereignisse zur Folge haben.

Der Golfstrom hat sich laut einer vom Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik) initiierten Studie stark verlangsamt. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Irland, Großbritannien und Deutschland beschreiben im Fachmagazin Nature Geoscience, dass die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (englisch: Atlantic Meridional Overturning Circulation, kurz AMOC), von welcher der Golfstrom einen Teil darstellt, so schwach ist wie seit über 1000 Jahren nicht mehr.

Das Golfstrom-System bewegt fast 20 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Es transportiert warmes Oberflächenwasser vom Äquator nach Norden und kaltes, salzarmes Tiefenwasser zurück in den Süden – und beeinflusst das Klima und das Wetter so an verschiedenen Orten der Welt.

„Die nordwärts fließende Oberflächenströmung der AMOC führt zu einer Ablenkung von Wassermassen nach rechts, weg von der US-Ostküste. Dies ist auf die Erdrotation zurückzuführen, die bewegte Objekte wie Strömungen auf der Nordhalbkugel nach rechts und auf der Südhalbkugel nach links ablenkt“, erklärt Studienmitautorin Levke Caesar von der Irish Climate Analysis and Research Unit und Gastwissenschaftlerin am Pik. „Wenn sich die Strömung verlangsamt, schwächt sich dieser Effekt ab und es kann sich mehr Wasser an der US-Ostküste aufstauen.“ Ein so verstärkter Meeresspiegelanstieg würde zu mehr Überschwemmungen führen.

Extreme Hitze, heftige Stürme - auch in Europa

Durch den abgeschwächten Strom könnte sich auch die Meeresoberfläche in den Tropen erwärmen, was wiederum das Wettergeschehen stark beeinflussen würde. Auch für Europa ist der Golfstrom wichtig, da er den nordöstlichen Atlantik mit warmem Wasser versorgt und darüber auch die Luft in Mittel- und Nordeuropa erwärmt wird. Daher ist die Witterung hier vergleichsweise mild. Sehr wahrscheinlich würden Extremwetterlagen in Europa in Form heftiger Winterstürme und extremer Hitzewellen im Sommer zunehmen, gepaart mit einer Abnahme der sommerlichen Niederschläge. Auch im Golf von Mexiko könnte es mehr tropische Wirbelstürme geben.

Seit Langem wird eine verlangsamte Zirkulation von Klimamodellen als Folge der globalen Erwärmung vorhergesagt. Denn diese stört die sogenannte Tiefenkonvektion, den durch Dichteunterschiede im Ozean verursachten Mechanismus, der die Zirkulation antreibt: Warmes, salzhaltiges Oberflächenwasser bewegt sich von Süden nach Norden, kühlt ab und wird dadurch dichter. Wenn es schwer genug ist, sinkt das Wasser in tiefere Ozeanschichten ab und fließt zurück in den Süden.

Durch zunehmende Niederschläge und das verstärkte Abschmelzen des grönländischen Eisschilds aufgrund der Erderwärmung wird dem nördlichen Atlantik Süßwasser zugeführt. Dadurch sinkt dort der Salzgehalt und damit die Wasserdichte, das Absinken wird gehemmt und so die Strömung geschwächt.

Für die Studie werteten die Forschenden sogenannte Proxydaten aus, die hauptsächlich aus natürlichen Archiven wie Ozeansedimenten, Eisbohrkernen oder historischen Daten wie Schiffslogbüchern stammen. Sie verwendeten drei verschiedene Datentypen: die Temperaturänderungen im Atlantik, die Verteilung der Wassermassen und die Korngrößen der Tiefsee-Sedimente. Die einzelnen Archive reichten bis zu 1600 Jahre zurück. Die Kombination aller drei Proxydaten ergebe ein robustes Bild der Umwälzzirkulation.

„Gefährlich nahe" am Kipppunkt

„Wenn wir die globale Erwärmung auch künftig vorantreiben, wird sich das Golfstrom-System weiter abschwächen – um 34 bis 45 Prozent bis 2100, gemäß der neuesten Generation von Klimamodellen“, sagt Pik-Forscher und Mitautor Stefan Rahmstorf. Das könne uns „gefährlich nahe an den Kipppunkt bringen“, an dem die Strömung instabil werde.

Hauptursache der Erderwärmung sind von Menschen erzeugte Treibhausgase. Eine weitere neue Studie im Fachmagazin Nature Climate Change bilanziert die globalen CO2-Emissionen seit Beschluss des Pariser Klimaabkommens im Dezember 2015. Demnach sind diese in 64 Ländern gesunken, in 150 aber gestiegen. Verglichen wurde dabei der Zeitraum 2016 bis 2019 mit den fünf Jahren davor. Im Coronajahr 2020 sind die Emissionen um rund 2,6 Gigatonnen weltweit auf 34 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) gesunken.

Dem internationalen Forscherteam unter anderem der Universitäten East Anglia und Stanford sowie des Global Carbon Projects zufolge müsste der CO2-Ausstoß im kommenden Jahrzehnt durchschnittlich um ein bis zwei Milliarden Tonnen pro Jahr zurückgehen, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, wie es das Paris-Abkommen vorsieht.

 

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