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Klimaschutz

Globale Energiewende noch kein Selbstläufer

Joachim Wille, 14.02.18
Solar- und Windenergie wachsen weiter, auch in China und Indien überholen sie Atom und Kohle. Von einem Kohleausstieg ist die Welt aber immer noch weit entfernt – einige Länder planen sogar das komplette Gegenteil.

Die globale Energiewende läuft. Im vorigen Jahr nahm die Kapazität von Photovoltaik-Kraftwerken weltweit um mehr als 100 Gigawatt (GW) und die von Windkraft-Anlagen um 50 GW zu, so die ersten Abschätzungen von Branchenverbänden und Marktforschungsinstituten. Damit setzte sich der Boom der Öko-Energien fort, der derzeit vor allem von der rasanten Verbilligung der Solarenergie befeuert wird. Gleichzeitig wuchs die Atomkraft weltweit nur noch um 0,3 Gigawatt, stagnierte also praktisch. Auch in den beiden wichtigen Kohleländern China und Indien überholte der Zubau der Ökoenergien den der Kohlekraftwerke. In China legte die installierte Solarstrom-Leistung 2017 zudem stärker zu, als das Land insgesamt an Atomkraft-Kapazität besitzt.

Trotzdem ist der Umbau des Energiesystems kein Selbstläufer. Entsprechende Hoffnungen sind dadurch genährt worden, dass der weltweite Verbrauch des Top-Klimakillers Kohle in den letzten Jahren rückläufig war. Laut einer neuen Untersuchung gibt es jedoch keinen Grund für Euphorie. Der Rückgang beim Kohlekraftwerks-Neubau in China und Indien wird danach nämlich durch den steigenden Zubau in anderen, schnell wachsenden Schwellenländern zum Teil zunichte gemacht.

Die Welt ist daher immer noch weit von dem Kohleausstiegs-Pfad entfernt, der zur Einhaltung des Zwei-Grad-Erwärmungslimits führt, das 2015 im Pariser Klimavertrag fixiert wurde. Vorgelegt wurde die Studie vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (Pik) und dem Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin.

Die Kohle-Zubaupläne in drei Ländern entsprechen der gesamten EU-Kapazität

Tatsächlich steigt die Zahl der Kohlekraftwerke weltweit weiter an, obwohl China und Indien 2016 in einem spektakulären Schritt jeweils die Hälfte ihrer damals noch geplanten Anlagen strichen. So wollen alleine die drei Länder Türkei, Indonesien und Vietnam ihre Kohlestrom-Kapazitäten zusammengenommen um 160 GW erhöhen, was laut den Experten der Leistung aller in der EU betriebenen Kohlekraftwerke entspricht. Auch andere Staaten haben ihre Zubaupläne erhöht, Ägypten sogar um volle 800 Prozent. Die Folgen für die Treibhausgas-Budgets der Länder wären dramatisch. So würde sich der CO2-Ausstoß aus Kohlekraftwerken in Vietnam bis 2030 fast verzehnfachen und in der Türkei vervierfachen.

Der Chef-Ökonom des Pik Ottmar Edenhofer warnt, das Kohleproblem werde sich trotz aller Fortschritte bei den erneuerbaren Energien nicht von selbst erledigen. Notwendig sei ein weltweiter Kohleausstieg, das Mittel der Wahl dazu eine „substanzielle Bepreisung von CO2“. Diese könne von Land zu Land unterschiedlich aussehen, doch es sei notwendig, dass eine Koalition von Pionieren den Anfang macht – „noch in diesem Jahrzehnt“.

Einen Kohleausstieg haben inzwischen über 25 Länder angekündigt, darunter neben Industriestaaten wie Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada auch Länder wie Mexiko und Chile. Dass ein substanzieller CO2-Preis wirkt, kann man übrigens im Mutterland der Industrialisierung, Großbritannien, sehen, wo 2013 ein Mindestpreis von rund 20 Euro pro Tonne CO2 eingeführt wurde. Hier sank der Anteil von Kohlestrom, der früher bei 40 Prozent lag, auf nur noch zwei Prozent.

 

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