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Klimaschutz

CO2-Faktor Industrie

Joachim Wille, 06.06.23
Eine Studie für die Umweltorganisation WWF hat die 30 CO2-intensivsten Industrieanlagen in Deutschland identifiziert, die für einen beachtlichen Teil der Gesamtemissionen verantwortlich sind. An erster Stelle steht die Stahlbranche.

Geht es aktuell um Klimaschutz, stehen Heizungen und Autos im Brennpunkt. Kein Wunder, die Sektoren Gebäude und Verkehr haben bekanntermaßen eine sehr schlechte CO2-Bilanz. Hier braucht es maximale Anstrengungen, damit das deutsche Klimaziel von mindestens minus 65 Prozent Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber dem Basisjahr 1990 erreicht wird. Weniger heftig debattiert wird hingegen über den Beitrag der Industrie. Doch auch in diesem Sektor ist der Handlungsbedarf groß. Die Emissionen in dem Bereich sind, mit Ausnahme von Krisensituationen wie etwa wegen Corona, seit 2005 nahezu konstant.

Hier lohnt es sich, besonders bei 30 großen Industrieanlagen in den Branchen Stahl, Zement und Chemie anzusetzen. Diese „Dirty Thirty“, wie die Umweltstiftung WWF sie nennt, sind alleine für rund ein Drittel der Emissionen in dem Sektor und acht Prozent der deutschen Gesamtemissionen verantwortlich. Im Jahr 2022 verursachten die 30 klimaschädlichsten Industrieanlagen in Deutschland rund 58 Millionen Tonnen CO2-Emissionen, wie ein am Dienstag vorgestellter Bericht des Öko-Instituts zeigt. Auftraggeber war der WWF.

Duisburger Hüttenwerk auf Platz 1

Laut der Studie finden sich auf den ersten 13 Plätzen der 30er-Liste Anlagen der Eisen- und Stahlerzeugung. Insgesamt gehen auf das Konto dieser Branche 51 Millionen Tonnen CO2. Die Spitzenposition nimmt ein Hüttenwerk von Thyssen-Krupp in Duisburg mit 7,9 Millionen Tonnen CO2 ein. Allerdings ist der Ausstoß auch in der Zement- und Kalk- sowie der Chemieindustrie hoch. Auf das Zementwerk in Rüdersdorf bei Berlin entfielen 2022 beispielsweise 1,1 Millionen Tonnen CO2.

„Der Industriesektor ist ein Schwergewicht beim CO2-Ausstoß“, sagte Viviane Raddatz, Klimachefin beim WWF Deutschland. Ihn zu transformieren sei eine der wichtigsten Aufgaben für Politik und Wirtschaft, um Klima und Jobs gleichermaßen zu schützen. Die sei in der Vergangenheit vernachlässigt worden. „Die Ampel muss nun liefern, was sie versprochen hat: eine umfassende Strategie zum Klimaschutz in der Industrie, die Planungs- und Investitionssicherheit schafft, so dass nicht nur die ,dreckigen Dreißig’, sondern die gesamte deutsche Industrie Prozesse und Rohstoffnutzung schneller umstellt und einen Klimaschutzbeitrag leistet.”

Von allen Sektoren hat die Industrie in Deutschland die zweithöchsten Emissionen nach der Energiewirtschaft. Die meisten Werke und Anlagen werden seit 2005 durch den europäischen Emissionshandel (ETS) reguliert, ebenso wie der Kraftwerkssektor und inzwischen auch der innereuropäische Luftverkehr. Der WWF sieht es hierbei als großen Fehler an, dass die Industrie kostenlose CO2-Zertifikate zugeteilt bekam. Das habe das Preissignal abgeschwächt und den Anreiz gesenkt, auf klimafreundliche Verfahren und Technologien umzustellen. „Nun hat man sich zwar auf ein Auslaufen der kostenlosen Zuteilung bis 2034 geeinigt, doch das ist zu spät. Umso entscheidender ist es, dass die Ampel jetzt liefert”, sagte Raddatz.

Habeck setzt auf Klimaschutzverträge

Die Umweltorganisation fordert, dass staatliche Fördergelder grundsätzlich nur in klimaschützende Maßnahmen fließen, insbesondere die Produktion von grünem Wasserstoff. Dessen Hochlauf müsse mit ausreichend Solar- und Windkraft-Kapazitäten zum Betrieb der H2-Elektrolyse unterfüttert werden. Techniken, um CO2 abzuscheiden und einzulagern (CCS) beziehungsweise für Produkte zu nutzen (CCU) sollten nur für nicht vermeidbare prozessbedingte Emissionen eingesetzt werden.

Die Vergabe von Subventionen und Entlastungen an die Industrie solle grundsätzlich an Gegenleistungen geknüpft werden. Dazu gehörten Investitionen in Energieeffizienz und Öko-Energien sowie die verpflichtende Nutzung von Umwelt- oder Energiemanagementsystemen.  Bei der Vergabe öffentlicher Bauaufträge müssten künftig Klimaschutzkriterien berücksichtigt werden, etwa CO2-Grenzwerte. Derzeit sei bei den Ausschreibungen noch immer das Kriterium der Wirtschaftlichkeit entscheidend.

Bundeswirtschaftsmister Robert Habeck (Grüne) hatte am Montag ein Förderinstrument für einen klimafreundlichen Umbau besonders CO2-intensiver Industriezweige vorgestellt. Danach sollen „Klimaschutzverträge“ mit Unternehmen den Aufbau einer „neuen grünen Industrie“ begünstigen. Um die Mittel etwa für Produktionsanlagen zu erhalten, die zum Beispiel mit Wasserstoff statt mit Kohle oder Erdgas betrieben werden, müssen die Betriebe sich an einem Auktionsverfahren beteiligen. Habeck will einen mittleren zweitstelligen Milliardenbetrag dafür lockermachen. Wie hoch genau die Summe sein wird, entscheidet sich in den aktuellen Verhandlungen über den Bundesetat.

 

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