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Klimakrise

„Auch Deutschland ist jetzt ein Waldbrandland“

Foto: Jan Woitas/dpa/picture alliance

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Ende Juli brannte in Brandenburg der Wald im Umfeld von Windrädern. Bei den Löscharbeiten wurden auch Bundeswehrhubschrauber eingesetzt.

Jürgen Lessat, 04.08.22
An vielen Orten weltweit brennen nach großer Hitze und Dürre die Wälder. Hierzulande ist Brandenburg besonders betroffen. Folgen können die Feuer auch für die Energieinfrastruktur haben.

Das Earth Observatory der US-Raumfahrtbehörde Nasa gilt als eine der wichtigsten Quellen für Satellitenbilder im Internet. Mitte Juli präsentierte das Portal als „Bild des Tages“ eine Weltkarte mit Oberflächentemperaturen der östlichen Hemisphäre, auf der weite Teile der Kontinente tiefrot eingefärbt erschienen.

Je dunkler die Farbe, desto heißer glühten die Landmassen am 13. Juli, dem Aufnahmetag. „Dieses große Gebiet mit extremer und rekordverdächtiger Hitze ist ein weiterer klarer Indikator dafür, dass die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen Wetterextreme verursachen, die sich auf unsere Lebensbedingungen auswirken“, so Steven Pawson, Leiter des Global Modeling and Assimilation Office am Nasa Goddard Space Flight Center. Laut Nasa wurde die östliche Hemisphäre seit Juni von außergewöhnlichen Hitzewellen heimgesucht. Die Temperaturen kletterten in vielen Ländern auf über 40 Grad Celsius und brachen langjährige Rekorde.

Eine der Folgen sind Brände. Eine Hitzewelle fachte im Juli Waldbrände in West- und Südeuropa an. Eines der größten Feuer wütete Mitte des Monats auf mehr als 3000 Hektar nahe der zentralportugiesischen Stadt Leira. Am 13. Juli stiegen die Temperaturen dort auf 45 Grad Celsius. In Nordafrika wurde Tunesien von einer Hitzewelle und Bränden getroffen, die Teile der Getreideernte des Landes vernichteten. In der Hauptstadt Tunis erreichte die Temperatur am selben Tag 48 Grad Celsius und brach damit einen 40-jährigen Rekord.

Wetterextreme gab es auch in Asien. Im Iran kletterte das Thermometer Ende Juni auf glühende 52 Grad Celsius. In China registrierte das Shanghaier Xujiahui-Observatorium, das seit 1873 Wetteraufzeichnungen führt, am 13. Juli die höchste jemals gemessene Temperatur: 40,9 Grad Celsius. Die hohe Luftfeuchtigkeit und der Taupunkt sowie warme Nachttemperaturen sorgten für potenziell tödliche Bedingungen.

Nur ein Vorgeschmack

In Europa könnte 2022 das Katastrophenjahr 2018 ablösen, in dem Waldbrände und Dürren Schäden von 3,9 Milliarden Dollar verursachten. Nach Daten des Europäischen Waldbrand-Informationssystems EFFIS, das mit Hilfe der Copernicus- Satelliten Brände mit einer Ausdehnung von fünf Hektar und mehr kartiert, waren mit Stand 20. Juli bereits rund 350 000 Hektar Wald und Grasland in den 27 Mitgliedsstaaten der EU verbrannt. Im Durchschnitt zwischen 2006 und 2021 hatten Brände zu diesem Zeitpunkt nur 110 000 Hektar Vegetationsfläche vernichtet. Das bisherige Maximum an verbrannter Erde umfasste rund 213 000 Hektar.

Auf Rekordkurs ist auch die Zahl der Feuer. Bis Mitte Juli hatten die Satellitensensoren bereits 1756 Wald- und Buschbrände in den EU-Staaten erfasst, mehr als dreimal so viele wie im Durchschnitt der Vorjahre. Von den Medien weitgehend unbeachtet blieb, dass allein in Rumänien 735 Großfeuer bis zur Jahresmitte ausgebrochen waren. Im langjährigen Schnitt sind es dort weniger als 50 Brände.

In diesen Zahlen spiegelt sich der extreme Niederschlagsmangel, der seit Winter weite Teile Europas ausdörrt. Austrocknende Böden und Vegetation führten zu außergewöhnlich vielen Feuern bereits im Frühjahr. In der ersten Aprilwoche loderten EU-weit 368 Großbrände. Zum Vergleich: Nach regen- und schneereichen Winterhalbjahren müssen Feuerwehren zu dieser Zeit sonst nur 20 bis 35 Waldbrände pro Woche bekämpfen. Im Sommer setzte sich das fort, brachen europaweit viel mehr Feuer aus als in früheren Jahren. Das dürfte nur der Vorgeschmack auf Schlimmeres sein. Nach einem UN-Bericht vom Februar 2022 wird die Zahl extremer Waldbrände bis 2050 um ein Drittel zunehmen.

Brand im Forschungswald

Auch Deutschland erlebt ein Dürre- und Feuerjahr. Bereits Anfang März galt in Teilen der Republik die höchste oder zweithöchste Waldbrand-Gefahrenwarnstufe, in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern loderten erste kleinere Feuer. Schlagzeilen machten große Waldbrände Mitte Juni, die südlich von Potsdam ausbrachen. Ein Brand im Treuenbrietzener Stadtwald, der zunächst von der Feuerwehr unter Kontrolle gebracht wurde, weitete sich durch wechselnde Winde bedrohlich aus. Das Feuer fraß sich mit hoher Geschwindigkeit durch die gleiche Fläche, von der bereits im August 2018 ein Brand ausging, der damals 400 Hektar Kiefernwald vernichtete. Nach mehreren Tagen löschten diesmal erst Regenfälle den Brand.

Für Somidh Saha vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) kommt dies alles nicht überraschend. „Als Folge des Klimawandels erleben wir auch hierzulande nun extreme Hitzewellen sowie Dürren, und damit steigt natürlich auch die Feuergefahr“, sagt der Forstwissenschaftler, der am KIT eine Forschungsgruppe leitet. Zudem nehme die Feuerintensität zu. Statt nur bodennah würden sich Feuer hierzulande immer häufiger zu Kronenbränden entwickeln, bei denen Bäume im Vollbrand stehen. „Auch Deutschland ist jetzt ein Waldbrandland“, betont Saha, der bis vor Kurzem noch vor Ort in Treuenbrietzen untersuchte, wie sich Ökosysteme von Bränden am besten erholen. Ein Großteil der Versuchsflächen fiel dem jüngsten Feuer zum Opfer.

In der jährlichen deutschen Waldbrandstatistik der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung belegte Brandenburg bislang stets Spitzenplätze. Aufgrund sandiger Böden, die kaum Feuchtigkeit halten, und leicht brennbarer Kiefernwälder, die zu DDR-Zeiten als dicht bepflanzte Holzplantagen angelegt wurden, gilt das Bundesland als besonders anfällig. „In diesem Jahr haben wir in Brandenburg bislang rund 320 Waldbrände mit einer Gesamt-Schadfläche von 900 Hektar“, zieht Raimund Engel, Waldbrandschutzbeauftragter des Landes, Mitte Juli Zwischenbilanz. Zum Vergleich: Deutschlandweit wurden im Vorjahr 548 Brände auf einer Gesamtfläche von 148 Hektar dokumentiert.

Kameras suchen nach Rauchzeichen

Aktuell konnten in Brandenburg fünf Feuer auf ehemals militärisch genutzten Flächen wegen Kampfmittelverdacht nur aus gesicherten Bereichen heraus bekämpft werden. „Allein bei diesen fünf Bränden wurden rund 800 Hektar geschädigt“, sagt Engel. Umgekehrt konnten 315 Waldbrände so früh entdeckt werden, dass ein Eingreifen sofort möglich war und sich der Schaden in Grenzen hielt. Im Schnitt loderte das Feuer auf weniger als 3000 Quadratmetern, bevor es gelöscht wurde. Ende Juli brach bei Falkenberg im Landkreis Elbe-Elster noch ein Großbrand aus, der zwischenzeitlich 850 Hektar umfasste. Mehrere Ortschaften wurden evakuiert, erst eine Woche später war die Situation wieder unter Kontrolle.

Nach den Waldbrandjahren 2018 und 2019 hat Brandenburg bei der Vorsorge aufgerüstet. Seit März 2021 überwachen 108 Sensor-Kameras in Forstgebieten, ob Rauchwolken über Baumwipfeln aufsteigen. Die Daten werden automatisiert in die neu eingerichteten Waldbrandzentralen in Eberswalde und Wünsdorf übermittelt. Daneben wurden zuletzt 35 spezielle Tanklöschfahrzeuge an Feuerwehren des Landes übergeben. Allerdings haben die Einsatzkräfte immer wieder Schwierigkeiten, durch unwegsames Gelände zu Brandorten vorzudringen. Deshalb sollen in den nächsten Jahren deutlich mehr befestigte Waldwege durch den Landesforst gebaut werden. Ein anderes Problem bleibt dagegen: die Versorgung mit Löschwasser. Immer wieder mussten Leitungen über mehrere Kilometer gelegt werden.

Auch für die Energieinfrastruktur können Waldbrände Folgen haben, indem sie etwa Schäden an Stromnetzen verursachen oder die Funktionsfähigkeit von Kraftwerken beeinträchtigen. Freileitungen müssen entweder wegen direkter Schäden oder aus Vorsorge ausgeschaltet werden, was Steuerungs- und Übertragungskapazitäten reduzieren kann. Gleiches gilt, wenn Löscharbeiten in der Nähe von Leitungen Außerbetriebnahmen erfordern.

Stromtrassen unter Beobachtung

Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ist das deutsche Stromnetz aktuell knapp 1,9 Millionen Kilometer lang. Rund 18 Prozent der Leitungen verlaufen oberirdisch (Stand 2018). Vor allem im Höchstspannungsnetz mit 380 und 220 Kilovolt, dem sogenannten Übertragungsnetz, sowie im Hochspannungsnetz mit 110 Kilovolt und im Mittelspannungsnetz wird Strom über weite Strecken in Freileitungen transportiert. Unklar ist, wie viele Kilometer durch brandgefährdete Wälder und Flure führen. Die jährlichen Energie-Monitoringberichte von Bundeskartellamt und Bundesnetzagentur (BNetzA) machen dazu keine Angabe. „Eine Auswertung der Netzstrukturdaten nach geografischen Merkmalen erfolgt nicht“, so die BNetzA auf Anfrage.

„Normalerweise fungiert Luft als Isolator. Daher müssen zwischen stromführenden Freileitungen und Erde oder Bewuchs genormte Mindestabstände vorliegen“, erläutert Volker Gustedt vom Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, der das 10 500 Kilometer lange Höchstspannungs-Stromnetz im Osten Deutschlands und im Raum Hamburg betreibt. Masten aus Stahl oder Beton tragen die Leitungen deshalb in einer Höhe zwischen 30 und 100 Metern.

Heiße Luft verringert jedoch die natürliche Isolatorschicht, wodurch Stromschläge auf Bäume, Büsche oder Gräser überspringen und diese entzünden können. „Unsere 770 Kilometer Trassenverlauf in Waldabschnitten unterliegen deshalb einem strengen Monitoring inklusive Höhen- und Abstandsmessung, etwa durch Laserscanning“, sagt Gustedt. Bei Bedarf könnten Gehölze so frühzeitig entfernt werden, um den kritischen Abstand zum Leiterseil einzuhalten. Um das Risiko zu minimieren, pflegt 50 Hertz Trassenflächen wie Waldwiesen oder Heiden, in manchen Abschnitten halten Schafe den Bewuchs kurz. Nebenbei könne das „zum Waldumbau der angrenzenden Monokulturen beitragen, indem die Trasse als Lebensraum von Pionierarten dient“, so Gustedt.

Die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ), die Windstrom aus dem Norden zu den Industriezentren im Süden transportieren sollen, werden als Erdkabel verlegt. Während bei Freileitungen Brände unter der Leitung, aber auch heiße Rauchschwaden, zur Auslösung von Kurzschlüssen führen können, sind Erdkabel davor geschützt. Technische Anlagen wie Umspannwerke verfügen über separate Brandmeldeanlagen sowie Brandschottung und Brandabschnitte, damit sich Feuer schlechter ausbreiten können. Konverteranlagen, die Gleich- in Wechselstrom wandeln, besitzen eigene Löschanlagen.

Wind im Wald ungleich verteilt

Ebenfalls immer öfter in Nutzwäldern anzutreffen sind Windenergieanlagen. Nach Erhebungen der Fachagentur Windenergie an Land waren Ende 2021 in Deutschland 2274 Anlagen mit einer Gesamtleistung von knapp 6300 Megawatt auf Waldflächen in Betrieb, was acht Prozent des Anlagenbestands und elf Prozent der installierten Windenergieleistung in Deutschland entspricht.

Die Anlagen sind aufgrund gesetzlicher Vorgaben sehr heterogen verteilt. Während in Norddeutschland Waldstandorte für Windenergie fast gänzlich tabu sind, stehen in südlichen und westlichen Bundesländern Windturbinen in dreistelliger Zahl im Wald. In Ostdeutschland konzentriert sich Windenergie im Forst auf Brandenburg. Ende 2021 standen die meisten Windräder im Wald in Rheinland-Pfalz (475), dicht gefolgt von Hessen (472) und Brandenburg (458). In Baden-Württemberg waren es 357 und in Bayern 297 Windturbinen, die sich über Baumkronen drehten.

Fälle, in denen Waldfeuer hierzulande Windräder in Brand setzten, lassen sich bisher nicht finden. Berichten zufolge brannte das Feuer in Falkenberg in einem Waldgebiet, in dem sich Windenergieanlagen befinden. TV-Bilder aus Frankreich nach einem Waldbrand nahe eines Windparks zeigen, dass die Rotoren das Feuer äußerlich unbeschadet überstanden. „Die Sicherheit elektrischer Energieanlagen in Deutschland ist grundsätzlich hoch“, betont die BNetzA. Dennoch wurde die Gefährdung kritischer Energieinfrastruktur durch Waldbrände als „Nationales Krisenszenario“ bereits mit Schutzmaßnahmen im sogenannten Risikovorsorgeplan Energie aufgenommen.

Dabei geht es etwa um die Sensibilisierung der örtlichen Feuerwehren für das Thema. Zwecks Prävention setzt der Risikovorsorgeplan zudem auf Aufklärung der Bevölkerung „zum korrekten Verhalten in Waldgebieten“, da viele Brände durch Fahrlässigkeit ausgelöst werden. Forstwissenschaftler Saha empfiehlt daneben eine langfristige Vorsorgemaßnahme: „Mischwälder sind bis zu zweimal feuerresistenter als ein reiner Kiefernwald“, rät er zum Waldumbau weg von Monokulturen. Dies zeigte sich auch beim Waldbrand auf den Treuenbrietzener Versuchsparzellen.

Dieser Text ist in der Ausgabe 08/2022 von neue energie erschienen und wurde in der Online-Fassung leicht aktualisiert.

 

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