Klimakrise

1,5 Grad bereits in Sicht

Joachim Wille, 10.05.22
Das untere Limit aus dem Pariser Klimavertrag dürfte in wenigen Jahren erstmals global überschritten werden. Ob das zum Dauerfall wird, ist aber noch nicht entschieden.

Die Weltgemeinschaft hat im Pariser Klimavertrag verabredet, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu begrenzen. Dieses Limit könnte allerdings bereits innerhalb der nächsten fünf Jahr zweitweise überschritten werden. Das meldet die Weltmeteorologie-Organisation (WMO) mit Sitz in Genf am Dienstag aufgrund einer neuen Studie. Ein dauerhaftes Reißen dieser „Sicherheitslinie“ ist damit noch nicht verbunden. Allerdings wird klar, dass die globale Erwärmung unvermindert weitergeht.

Konkret sagt die WMO Folgendes voraus: Die Wahrscheinlichkeit, dass die globale Jahresdurchschnittstemperatur in mindestens einem der nächsten fünf Jahre die 1,5 Grad überschreitet, liegt bei Fünfzig-Fünfzig – und sie nimmt mit der Zeit zu. Es bestehe eine 93-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Jahr zwischen 2022 und 2026 das wärmste Jahr in der Geschichte wird und damit 2016 von der Spitze verdrängt.

In diesem Jahr greift noch ein Kühleffekt

Im Jahr 2016 war ein Plus von 1,2 Grad erreicht worden, im vorigen Jahr waren es 1,1 Grad. Die mittlere globale Temperatur steigt nicht linear, sondern wird von den Klimaphänomenen El Niño und La Niña überlagert. In El-Niño-Jahren wie 2015/2016 mit wärmeren Wassertemperaturen im tropischen Pazifik ist sie zusätzlich erhöht, in La-Niña-Perioden wie 2021 kommt es zu einer relativen Abkühlung. Im vorigen Jahr kam La Niña sogar zweimal, im Frühjahr und im Herbst. Auch in diesem Jahr ist ein neuer Rekord unwahrscheinlich, da für den Rest des Jahres schwach ausgeprägte La-Niña-Bedingungen erwartet werden.

WMO-Generalsekretär Petteri Taalas kommentierte: „Diese Studie zeigt mit hoher wissenschaftlicher Kompetenz, dass wir dem unteren Ziel des Pariser Klimaabkommens vorübergehend messbar näherkommen.“ Er betonte, das 1,5-Grad-Ziel sei nicht zufällig gewählt, sondern ein Indikator für den Punkt, an dem die Klimaauswirkungen für die Menschen und den gesamten Planeten zunehmend schädlich würden. „Solange wir weiterhin Treibhausgase ausstoßen, werden die Temperaturen weiter ansteigen. Gleichzeitig werden sich unsere Ozeane weiter erwärmen und versauern, Meereis und Gletscher werden weiter schmelzen, der Meeresspiegel wird weiter steigen und unser Wetter wird extremer werden.“

Besonders die Arktis wird deutlich wärmer

Im 2015 verabschiedeten Paris-Vertrag wird eine Erwärmung um zwei Grad als absolutes Limit angepeilt. Es sollten jedoch möglichst 1,5 Grad angestrebt werden, heißt es darin. Ziel davon ist es, Risiken etwa für tief liegende Inselstaaten zu minimieren und das Auslösen von Kippelementen im Klimasystem sicher zu verhindern – darunter das Austrocknen des Amazonas-Regenwalds und das komplette Abschmelzen der Eisschilde der Erde.

Der neue WMO-Report trifft auch Aussagen für die regionale Wetterentwicklung 2022. So rechnet die Behörde mit Trockenheit in Südwest-Europa und im Südwesten von Nordamerika. Für Nordeuropa, die Sahelzone, den Nordosten Brasiliens und Australien erwartet sie hingegen feuchtere Bedingungen als im langjährigen Mittel. Laut der WMO-Info wird zudem erwartet, dass die Erwärmung in der Arktis im Durchschnitt der nächsten fünf Winter mehr als dreimal so stark ausfällt wie im globalen Mittel.

 

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