Gleichberechtigung

Wie weiblich ist die Energiewende?

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Margit Hildebrandt, 08.03.21
Frauen sind in nahezu allen Wirtschaftssektoren auf der Führungsebene unterrepräsentiert. Die Energiebranche ist da keine Ausnahme, auch die Erneuerbaren nicht. Eine neue Studie will nun untersuchen, ob Bürgerenergiegenossenschaften offener für Frauen sind.

Frauen sind an deutschen Konzernspitzen eine Seltenheit – keine Neuigkeit. Ernüchternd ist, dass sie auch in Führungspositionen der Erneuerbaren-Branche deutlich in der Unterzahl sind. Im Energiebereich ist der Frauenanteil seit jeher gering, in den Top-Positionen erst recht. Nach einer Untersuchung des Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers (PwC) waren 2018 die Chefetagen zu zwölf Prozent mit Frauen besetzt, bei den Erneuerbaren etwas weniger. Unterhalb der Spitze sieht es ausgewogener aus. Nach einem Bericht der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (Irena) waren 2018 weltweit etwa elf Millionen Menschen rund um die Erneuerbaren beschäftigt, 32 Prozent davon Frauen; im Bereich der fossilen Brennstoffe waren es 22 Prozent.

„Auch wenn es bei den Erneuerbaren etwas besser aussieht als bei den Konventionellen, so sind die Bedingungen für Frauen schwerer als die für Männer“, sagt Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE). Das beginne schon bei der Ausbildung, denn immer noch trauten sich Frauen zu selten in mathematisch-naturwissenschaftliche (MINT) Studiengänge oder technische Ausbildungen, „dabei bringen sie nicht weniger mathematisches oder technisches Verständnis mit, sind aber gleichzeitig stark an Gemeinwohl und Innovation interessiert“, so die Biologin. Vielmehr halten tradierte Rollenbilder Frauen immer noch zurück, „Energie“ etwa gilt als „Männerthema“.  

Zwar ist die Zahl der Frauen in einem MINT-Studium in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen: 2019 machten knapp 60 000 Absolventinnen fast ein Drittel aller MINT-Abschlüsse. An die Unternehmensspitze gelangen sie trotzdem seltener als ihre Kollegen. In Branchen mit männerdominierten Führungsebenen sind die Strukturen an männliche Bedürfnisse angepasst: ausufernde Arbeitszeiten, späte Meetings oder Arbeitsrunden in der Kneipe. Vereinbar mit einem Privatleben oder gar einer Familie ist das nur, solange jemand anders zu Hause den Großteil der Care-Arbeit übernimmt. Darüber hinaus werden bevorzugt die Männer befördert, die dem Vorgesetzten selbst ähnlich sind. In Deutschland gab es laut der gemeinnützigen Allbright-Stiftung im Jahr 2017 mehr Vorstandsmitglieder mit dem Namen Thomas oder Michael als insgesamt Frauen in Vorständen – Männer besetzen sich einfach selbst nach.

Weg von Zielgröße Null

Noch immer sind fast alle Vorstandsmitglieder der 160 deutschen Börsenunternehmen Männer, der Frauenanteil lag im September 2019 bei 9,3 Prozent. Die Allbright-Stiftung analysiert jährlich, wie es um das Geschlechterverhältnis in Führungspositionen der Wirtschaft steht und bezeichnete Deutschland aufgrund der homogenen Führungsgremien als „Entwicklungsland“. Seit Mai 2015 ist das Gesetz zur gleichberechtigten Teilhabe an Führungspositionen in Kraft, mit dem Ziel einer Frauenquote von mindestens 30 Prozent in Aufsichtsräten. Anfang dieses Jahres wurde es verschärft: Auch die Vorstände müssen in Zukunft mit mindestens einer Frau besetzt werden, sobald sie mehr als drei Mitglieder haben. Bislang mussten Unternehmen nur Zielgrößen für ihre Vorstände und weiteren Führungsebenen formulieren. Es war auch möglich, die „Zielgröße Null“ anzugeben – was im September 2020 laut Allbright-Stiftung 55 Aufsichtsräte machten.

Auch Nordex gehörte dazu. Seit 2016 steht der Hamburger Windradhersteller auf der jährlichen Allbright-Liste der Unternehmen ohne Frau im Vorstand. Im sechsköpfigen Aufsichtsrat ist mit der ehemaligen dänischen Politikerin Connie Hedegaard nur eine Frau vertreten. Im Geschäftsbericht von 2019 steht: „Die Zielgrößen für den Frauenanteil in Vorstand und Aufsichtsrat wurden 2016 bis zum 31. Dezember 2020 entsprechend dem bestehenden Anteil in Höhe von null Prozent für den Vorstand und 16,67 Prozent für den Aufsichtsrat, also in unveränderter Höhe festgelegt und im Berichtsjahr erneut erreicht.“ Der Vorstand lasse sich bei der Besetzung von Führungspositionen ungeachtet des Geschlechts ausschließlich von der Qualifikation der zur Verfügung stehenden Personen leiten, erklärt der Nachhaltigkeitsbericht.

Allmählich ändert sich bei Nordex der Kurs allerdings. Ziel sei es, den Anteil von Frauen in Schlüsselpositionen und auf der oberen Management-Ebene zu erhöhen, sagt Nordex-Sprecher Felix Losada. Bis zum Jahr 2025 soll der Vorstand laut aktuellem Aufsichtsratsbeschluss zu 25 Prozent mit Frauen besetzt sein, eine weitere Quote sieht 15 Prozent Frauen im Management vor. Mit der Initiative ‚Women in Nordex Operations‘ soll der operationelle Bereich bis 2022 von derzeit 15 auf 20 Prozent erhöht werden, wie laut Losada dem im März erscheinenden Geschäftsbericht zu entnehmen sein wird. „Die ganze Branche erkennt, dass wir zu wenige Frauen in unseren Arbeitsbereichen haben. Da geht es nicht nur um die Führungskräfte, sondern generell darum, Frauen für die Windenergie zu begeistern. Es ist wichtig, dass wir uns selber verstärkt für Gender-Diversity einsetzen“, sagt der Nordex-Sprecher.

Steht die Bürgerenergie besser da?

Dass Firmen von einer diverseren Belegschaft und gemischten Führungsriegen, deren Mitglieder unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen mitbringen, profitieren, ist längst nachgewiesen. Wer sich immer nur innerhalb der eigenen Echokammer aufhält, kommt nicht auf innovative Ideen. Die Juristin und Energieexpertin Dörte Fouquet ist darüber hinaus der Ansicht, dass die Erneuerbaren-Organisationen, die keinen starken Fokus auf dezentrale Bürgerenergie legen, stets einen Mangel bei der Gleichberechtigung haben werden.

Frauen geben als Grund für ihre Berufswahl häufig an, dass sie mit ihrer Tätigkeit gesellschaftlich Sinnvolles tun wollen. „Ein klassischer Energieprojektierer, der möglichst große Flächen ausbaut, schaut auf die Gewinnmaximierung und das kann man ihm in unserem kapitalistischen System gar nicht übelnehmen“, sagt die Juristin. Wohingegen in den Bürgerenergien ein verantwortlicher Umgang mit der eigenen Versorgung mehr gelebt wird. „Für mich ist die Idee der gemeinsamen nachhaltigen Energieproduktion als soziales Engagement sehr weiblich konnotiert.“ Frauen wären ihrer Ansicht nach auch prädestiniert dafür, die Akzeptanz großer Erneuerbaren-Projekte zu erhöhen.

Wie es um das Geschlechterverhältnis in den Bürgerenergien steht, wollen aktuell die World Wind Energy Association (WWEA) und der Landesverband Erneuerbare Energien NRW (LEE NRW) in der noch laufenden Studie „Frauen für die Energiewende: Mehr Vielfalt für die Bürgerenergie“ untersuchen. Ihre Umfrage unter Bürgerenergiegesellschaften Nordrhein-Westfalens soll Mitte des Jahres veröffentlicht werden, neue energie hat vorab Einblick in die Ergebnisse erhalten.

Demnach sind Bürgerenergiegesellschaften zu 29 Prozent aus Frauen zusammengesetzt, die darin 27 Prozent der Anteile halten. In den Leitungsgremien sind sie zwar ebenfalls unterrepräsentiert, mit 35 Prozent sind in den Vorständen aber deutlich mehr Frauen vertreten als in der Erneuerbaren-Wirtschaft insgesamt. In der Geschäftsführung und den Aufsichtsräten sind es allerdings nur um die 20 Prozent. Es gibt auch einen interessanten Zusammenhang: Bei den Genossenschaften mit Frauen in Führungsgremien sei insgesamt der Frauenanteil größer.

Netzwerke sollen helfen

Unterschiede zeigen sich auch im Vergleich der Gesellschaftsformen: Bei eingetragenen Genossenschaften halten Frauen etwa 33 Prozent der Anteile. Ein Einstieg ist dort schon mit geringem Kapital möglich. Bei den GmbHs dagegen sehe es mit 14 Prozent schlechter aus. Hier seien auch einige von Landwirten betriebene Windenergie-Projekte vertreten – und Frauen sind in der Landwirtschaft stark unterrepräsentiert. Generell zeichne sich bei den von Frauen gehaltenen Anteilen ein Unterschied nach Technologien ab: Etwa 37 Prozent hätten mit Solarstrom zu tun, nur gut 21 Prozent mit Windenergie. Das könnte mit dem unterschiedlichen Kostenumfang der Projekte zusammenhängen, vermutet Studien-Mitautor Timo Karl. Auch die Größe der Bürgerenergiegesellschaft ist ausschlaggebend: Sind weniger als 40 Leute beteiligt, ist der Anteil von Frauen mit sieben Prozent „dramatisch niedrig“, so Karl. Er nennt sie „sehr kleine Männerzirkel“.

Noch seien nicht sämtliche Umfragebögen ausgewertet. Die bisherigen Ergebnisse spiegelten jedoch wider, dass die Bürgerenergie derzeit trotz vergleichsweise hoher Beteiligung von Frauen überwiegend von einer relativ homogenen sozialen Gruppe gestaltet wird: mehrheitlich weiße Männer über 60 mit gutem Bildungsabschluss und relativ leicht verfügbarem Grundkapital. Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen jüngeren Alters, mit körperlichen Beeinträchtigungen oder geringerem Einkommen sind dagegen viel seltener dabei. Langfristig soll die Studie klären, wie die dezentrale Bürgerenergie soziokulturell aufgestellt ist, um sie in Zukunft für mehr Gruppen interessant zu machen und besonders um den Anteil von Frauen in der Bürgerenergie zu erhöhen. Dazu werden als nächstes noch Angaben zur Motivation bei der Teilhabe an Bürgerenergie ausgewertet.

Meist werden Zahlen zum Geschlechterverhältnis nicht erhoben, zur Repräsentation anderer marginalisierter Gruppen erst recht nicht. Ob die Solarenergie, die Windkraft oder Biokraftstoffe besonders viele Frauen anziehen, ist statistisch nicht erfasst, könnte als Basis für ihre weitere gezielte Förderung jedoch nützlich sein. Konzepte dafür gibt es. Gegen strukturelle Hürden hilft es, Verbündete zu suchen. „Beim Blick darauf, wie niedrig der Prozentsatz an Frauen in der Energiebranche ist, wird sehr schnell klar, dass Netzwerke nötig sind“, sagt Kathrin Goldammer. Die Elektrotechnikerin und Geschäftsführerin des Berliner Reiner Lemoine Instituts (RLI) hat gemeinsam mit zehn Frauen aus Europa und den USA das internationale Netzwerk „Women in Green Hydrogen“ gegründet. „Im Grunde wollen wir es nur denjenigen einfacher machen, denen es zu schwer ist die Sichtbarkeit von Frauen zu erkennen“, die Konferenzen oder Gremien hauptsächlich mit Männern besetzen, „weil ihnen keine Frauen eingefallen sind oder sie einfach nicht wussten, dass Frauen in diesem Bereich überhaupt tätig sind“, sagt Goldammer.

Klimabewegung in weiblicher Hand

Ihnen will das Netzwerk zeigen, dass es hunderte von Wasserstoff-Expertinnen gibt. Etliche Frauen-Netzwerke sind in den letzten Jahren im Energiesektor entstanden. Über das Sichtbarmachen hinaus, wollen sie den Frauen deutlich machen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine sind. „Das ist empowernd, vor allem für die jüngeren, die bislang noch keine Vorbilder hatten oder einen sehr schwierigen Weg in die Branche“, sagt Goldammer. Beim RLI herrsche Parität, obwohl es ein technisches Institut mit normalerweise eher männlich dominierten Themenschwerpunkten wie Informatik, Energie und Mobilität ist. „Ich unterstelle schon, dass die Firmen mit wenig Diversität es auch nicht anders wollen“, sagt Goldammer.

Eine gute Nachricht der PwC-Studie war, dass der Zuwachs von Frauen in den Erneuerbaren höher als in der konventionellen Energiebranche ist. Ein Grund dafür könnte das steigende Bewusstsein für den Klimawandel sein, die Klimabewegung ist weltweit in weiblicher Hand. Auch wenn Frauen technische Berufe genauso erfolgreich ausüben können wie Männer, in der Energiebranche sind die meisten laut PwC bislang in den Sektoren Werbung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit sowie in der Personalentwicklung tätig. Nach Schätzungen von Irena könnten in den Erneuerbaren im Jahr 2050 fast 29 Millionen Menschen arbeiten, die wachsende Branche wird Frauen aller Fachrichtungen brauchen.

Um die Rahmenbedingungen für Aufstiegsmöglichkeiten und gleiche Einkommen zu schaffen, sind sowohl Politik als auch Wirtschaft in der Pflicht. Das Arbeitsleben müsse den unterschiedlichen Lebensentwürfen angepasst, gläserne Decken bei der Karriere beseitigt und gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt werden, sagt BEE-Präsidentin Peter, die zugleich Schirmherrin des Netzwerks Women of New Energies ist. Wie so oft, wenn es um die Gleichberechtigung geht, lohnt ein Blick auf die nördlichen Länder Europas. Island etwa hatte 2018 nicht nur einen Frauenanteil von 50 Prozent im Parlament, sondern auch als weltweit erstes Land ein Gesetz zur Lohngleichheit. Firmen müssen nachweisen, dass sie die Lohnlücke geschlossen haben, bei Verstoß werden Geldstrafen verhängt. In Deutschland betrug der Gender Gap 2019 nach wie vor 19 Prozent.

„Wir können noch viel von Skandinavien lernen“

Auch die Unternehmenskultur müsste angepasst werden. „Wir können noch viel von Skandinavien lernen, wo es vollkommen normal ist, dass das Wochenende für Familie und Freunde da ist“, sagt Dörte Fouquet. Die Corona-Pandemie könnte allerdings positive Entwicklungen bremsen. Im letzten Jahr hat sich zwar gezeigt, dass flexibleres Arbeiten von zuhause aus möglich ist. Auf der anderen Seite ist die Betreuung von Kindern und älteren Familienangehörigen dort wieder stärker an Frauen hängen geblieben. Auch die deutsche Wirtschaft hat sich wenig krisenfest gezeigt, der Frauenanteil in DAX-Vorständen sank laut aktuellem Allbright-Bericht: „Eine Verkleinerung der Vorstände und der Rückgriff auf Gewohntes, Vertrautes, ‚Altbewährtes‘ – man setzt auf Männer.“

In Deutschland sind Frauen zudem stärker von Energiearmut betroffen als Männer. Sie treffen seltener die Entscheidung für das Heizsystem zuhause, sind dafür eher für verhaltensabhängige Energieeinsparungen zuständig, wie Studien zu geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung im Haushalt bereits vor Jahren festgestellt haben. Und weil sie noch wenig in relevanten Gremien vertreten sind, entscheiden sie auch nicht im großen Maßstab über die Energie der Zukunft mit. Nach Ansicht von Simone Peter ist es höchste Zeit, diese grundlegende Ungerechtigkeit zu beseitigen. „Denn effizienten Umweltschutz und eine ambitionierte Energiewende können wir uns ohne Frauen nicht leisten“, so Peter. Die Energiewende gelinge am besten mit gerechter Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger - nicht zuletzt, weil sie dann auf breite Akzeptanz stoßen kann.

 

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