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Emissionshandel

Kaum Abwanderung von Firmen durch CO2-Preis

Joachim Wille, 31.05.19
Zum Start des europäischen Emissionshandels warnten Politiker und Wirtschaftsvertreter vor einer Deindustrialisierung, Unternehmen würden ins Ausland ziehen. Eine Studie zeigt nun, dass die Mahnungen unbegründet waren.

Die EU war hier Vorreiter: Kraftwerksbetreiber und große Industriebetriebe brauchen seit 2005 CO2-Zertifikate, um produzieren zu können. Damals startete der EU-Emissionshandel (ETS). Vor dessen Einführung und seither immer wieder warnten Wirtschaftsführer und Industrieverbände davor, dass diese Treibhausgas-Bepreisung Unternehmen ins Nicht-EU-Ausland verreiben werde – dorthin, wo CO2 nichts kostet. Doch diese Befürchtung ist offenbar stark übertrieben, wie eine Auswertung der vertraulichen „Mikrodatenbank Direktinvestitionen“ der Deutschen Bundesbank zeigt. Es gibt danach kaum Belege dafür, dass hiesige Unternehmen auf die Klimakosten mit dem Aufbau von Produktion außerhalb der EU reagieren.

Politiker und Top-Manager ritten in der Vergangenheit harte Attacken gegen den ETS. Der damalige NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) zum Beispiel befürchtete vor dem Start des CO2-Handels eine „schleichende Deindustrialisierung“; mit Nationalparks und Haareschneiden werde „das Land sein Geld nicht verdienen können". Auch der Industrieverband BDI malte das Bild von abwandernden Industrieunternehmen bei zu hohen CO2-Preisen. Der frühere RWE-Chef Jürgen Großmann warnte vor dem ETS: „Für den Klimaschutz ist nichts gewonnen“. Auch er sagte voraus, dass die Schornsteine künftig außerhalb der EU rauchen würden.

Das Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) konnte diese Befürchtungen in der nun vorgelegten Studie entkräften. Besondere Bedeutung hat die Untersuchung, da das Thema nicht auf der Basis von Sektor- oder Länderdaten analysiert wurde, sondern anhand von Einzeldaten zu den Unternehmen und ihren Produktionsanlagen. Dabei verglichen die Forscher nur „statistische Zwillinge“ – also vom Emissionshandel erfasste Unternehmen und strukturell sehr ähnliche Firmen, die aber wegen etwas kleinerer Produktionsanlagen nicht erfasst werden. Der ETS gilt erst ab einem gewissen CO2-Schwellenwert.

Den Standort zu verlegen, wäre teuer

Laut MCC-Forscher Nicolas Koch konnte für die große Mehrheit der deutschen, international tätigen Unternehmen, die im EU-Emissionshandel sind, kein Anstieg der Investitionen in Ländern außerhalb der EU festgestellt werden. In den energieintensiven Branchen sei der Effekt sogar besonders gering. Das sei auch plausibel, „da dort die Kapitalkosten in der Regel hoch und Standortverlagerungen entsprechend teuer sind“. Ein klimapolitisch bedingtes Abwandern lasse sich nur für sehr wenige Unternehmen in relativ CO2-armen Industrien wie dem Maschinenbau feststellen. Diese Firmen repräsentierten aber nur rund drei Prozent der deutschen CO2-Emissionen im ETS.

Die Studie liefert Informationen für die Jahre 2005 bis 2013. Der CO2-Preis schwankte in dieser Zeit zwischen fünf und 32 Euro pro Tonne, derzeit sind es rund 25 Euro. Zuletzt war der Preis nach einer langen Tiefphase wieder angezogen – Reformen des Systems sorgen dafür, dass überschüssige Zertifikate aus dem Markt verschwinden. Koch sagte denn auch, für die Zukunft müsse man die Möglichkeit einer Verlagerung im Auge behalten. „Es ist ja nicht wünschenswert, dass Unternehmen Arbeitsplätze nach außerhalb der EU exportieren und dort womöglich sogar mit höheren Emissionen produzieren.“ Tatsächlich zeige die Studie, dass vom EU-Emissionshandel betroffene Unternehmen verstärkt Alternativstandorte erkundeten und damit mögliche Reaktionen vorbereiteten.

Auch eine Studie des Essener Wirtschaftsforschungs-Instituts RWI zeigte unlängst, dass die Abwanderung von Industrieunternehmen in den ersten beiden ETS-Perioden zwischen 2005 und 2012 „sehr begrenzt, wenn nicht zu vernachlässigen“ gewesen ist. Stattdessen sei das Sachanlagevermögen (wie Werke, Maschinen und Ausstattung) sogar zwischen zehn und zwölf Prozent gewachsen. „Es ist möglich, Umweltziele zu erreichen, ohne dass es zu einer schleichenden Deindustrialisierung kommt", kommentierte RWI-Experte Nils aus dem Moore. Er sei auch sinnvoll, die von der EU zum Schutz vor Abwanderung teilweise gewährte kostenlose Ausstattung der Industrie mit Zertifikaten zu überprüfen. Möglicherweise sei der Kreis der Begünstigten noch zu groß.

 

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