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Kolumne zur aktuellen Titelstory

Energiewende und Mittelstand gehören zusammen

Meinhard Geiken, 07.02.17
…findet Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste. Damit Deutschland auch perspektivisch ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort mit guten Arbeitsplätzen bleibt, sei es entscheidend, die Technologieführerschaft in der Windindustrie zu sichern.

„1,5 Milliarden Euro kostet der Bau eines Windparks auf See. Weitere 1,5 Milliarden Euro kalkulieren die Betreiber für Unterhalt, Wartung und Service ein. So hat es mir gerade ein Industrievertreter berichtet. „Davon profitieren ja ohnehin nur die großen Konzerne“, höre ich häufig. Doch das ist falsch: Auch der deutsche Mittelstand – an der Küste und im Binnenland – ist Träger der Energiewende. Das gilt insbesondere für die Windindustrie mit ihren mittlerweile mehr als 150 000 Beschäftigten in Deutschland. Und besonders wichtig: Zwischen der Windenergie an Land und auf See gibt es da für mich keinen Unterschied.

Wichtige Zulieferer der Hersteller sind kleinere und mittlere Unternehmen, oft mit Sitz in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Traditionsunternehmen aus dem Kraftwerksbau haben längst eine Windsparte. Monteure für Windanlagen an Land sind in ganz Deutschland unterwegs. In manchen Regionen, etwa in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, sind die Servicestützpunkte wichtige Arbeitgeber. Für die Versorgung der Beschäftigten auf See, das Training der Belegschaften und die Wartung der Anlagen haben sich hochspezialisierte Unternehmen an der Küste angesiedelt. Zum Beispiel an der Westküste Schleswig-Holsteins – einer strukturschwachen Region, in der es bisher wenig Industriearbeitsplätze und nur in den Sommermonaten viel Tourismus gab.

Wie sind die Wertschöpfungsketten? Welche Unternehmen und welche Handwerksbetriebe treiben die Energiewende voran? Für wie viele und was für Arbeitsplätze sorgt die Windindustrie? Dazu wissen wir noch viel zu wenig. Deshalb haben IG Metall Küste, DGB Nord und der Landesverband Schleswig-Holstein des Bundesverbands WindEnergie (BWE) eine Studie in Auftrag gegeben. Am Beispiel der Westküste wollen wir zeigen, dass die Windkraft nicht nur sauberen Strom, sondern auch gute Arbeit bringt. Frühere Studien haben gezeigt, dass die Energiewende unterm Strich Arbeitsplätze schafft – und nicht vernichtet, wie oft behauptet wird. Allerdings gibt es massive Veränderungen: Manche Branchen und Regionen werden profitieren und andere nicht. Um die Akzeptanz für diesen aus Gründen des Klimaschutzes nötigen Wandel nicht zu gefährden, brauchen die Menschen in den betroffenen Bereichen, etwa im Tagebau in der Lausitz oder im Ruhrgebiet, Unterstützung. Politik und Unternehmen dürfen sie nicht zurücklassen, sondern müssen frühzeitig mit den Beschäftigten diskutieren und Alternativen aufzeigen, wie der Umstieg auf erneuerbare Energien ohne größere Brüche gelingen kann.

Mahnendes Beispiel Solarindustrie

Dass Energiewende und Mittelstand zusammengehören, haben wir bereits in der Vergangenheit deutlich gemacht und entsprechend in die politische Debatte eingebracht, so etwa auf der WindEnergy Hamburg im vergangenen Jahr. Gemeinsam mit BWE-Präsident Hermann Albers hatte ich dort erklärt, dass das Rückgrat der Stabilität in unserem Land die mittelständisch geprägte Wirtschaft bildet, mit ihren Beschäftigten und der in den Unternehmen gelebten Sozialpartnerschaft. Im globalen Wettbewerb hat sich Deutschland als starker Industrie- wie Dienstleistungsstandort behauptet. Diese Position gilt es, in Zeiten rasant voranschreitender Digitalisierung zu sichern. Die Energiewende nimmt hierbei eine Schlüsselrolle ein. Sie schafft die nötigen Rahmenbedingungen, um perspektivisch ein erfolgreicher Wirtschaftsstandort mit guten Arbeitsplätzen zu bleiben. Diese Aussagen haben nach wie vor Gültigkeit.

Entscheidend ist es, die Technologieführerschaft in der Windindustrie zu sichern. Auch wenn fast 70 Prozent der Wertschöpfung in ausländischen Märkten realisiert werden, ist und bleibt ein stabiler Markt in Deutschland die Voraussetzung, um international erfolgreich zu sein. Dafür ist ein dynamischer Zubau nötig, begleitet von einem schnellen Ausbau der Netze und einer besseren Nutzung der bisherigen Leitungen und Anlagen. Die massive Deckelung des Ausbaus durch die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Sommer 2016 halten wir für falsch: „Das Einzwängen in Ausbaukorridore wird den Herausforderungen – die vor allem in einer wirklichen Vernetzung von Strom, Mobilität und Wärme bestehen – nicht ausreichend gerecht und hindert die Unternehmen daran, neue Konzepte marktreif zu entwickeln.“ Mahnendes Beispiel ist die Solarbranche, bei der ab 2009 zahlreiche Gesetzesnovellen für Verunsicherung und damit für den Verlust von tausenden Arbeitsplätzen sorgten. Deshalb fordern wir für die Windindustrie Planungssicherheit ein, die die immer wieder neuen Reformen und Ankündigungen (zum Beispiel die „Strompreisbremse“) in der Vergangenheit vermissen ließen.

Innovationsschub durch Sektorenkopplung

Wir halten es für sinnvoll, die Forschungsförderung des Bundes zu verstetigen und künftig neu auszurichten – etwa auf Elektromobilität. Hier geht es vor allem um Batterietechnik sowie Lösungen, die die Reichweite erhöhen. Auch Power-to-X-Lösungen und die Sektorenkopplung wollen wir voranbringen. Das wird auch im Mittelstand einen neuen Innovationsschub auslösen, starke Beschäftigungsimpulse setzen und neue Wertschöpfung generieren. Denkbar ist in einem ersten Schritt, den aufgrund von Leitungsengpässen abgeregelten Strom für regionale Flottenkonzepte zu nutzen und so in Kooperation mit kleinen und mittelständischen Unternehmen der Energiewirtschaft die Elektromobilität voranzubringen.

Mit vielen Branchen-Vertretern sind wir uns zudem einig, dass gut ausgebildete und motivierte Beschäftigte sowie eine gelebte Sozialpartnerschaft ein Schlüssel für den Erfolg der deutschen Unternehmen ist. Mit der Liberalisierung des Energiemarkts haben sich die bis dahin vorherrschenden Konzernstrukturen verändert. Die Aufspaltung von Erzeugung und Vertrieb, die Dezentralisierung der Produktion von Energie, die vom Gesetzgeber initiierten neuen Vermarktungsplattformen von Strombörse bis Direktvermarktung bedingen eine Ausdifferenzierung der Unternehmenslandschaft und sorgen zusammen mit der fortschreitenden Digitalisierung zu einer nachhaltigen Veränderung in der Arbeitswelt.

In dem Impuls heißt es: „In der Aufbruchsphase des schnellen Wachstums sind gerade in der Windbranche sehr heterogene Personalstrukturen entstanden, die die Entwicklung der Unternehmen inzwischen auch behindern. (...) Stabile Beschäftigungsstrukturen stützen die Verbundenheit der Beschäftigten zum Unternehmen und sichern fachliche Kompetenzen. Sogenannte atypische Beschäftigungsverhältnisse sollten insbesondere dort, wo sie einer kontinuierlichen Erwerbstätigkeit entgegenstehen, abgebaut werden. Tarifbindung und über Betriebsräte institutionalisierte Mitsprache sind Teil der gelebten Sozialpartnerschaft.“ Oder kurz gesagt: Saubere Energie und gute Arbeit gehören zusammen – unabhängig davon, ob wir über Großindustrie oder Mittelstand sprechen.“

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag, der nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wiedergibt. Für den Inhalt sind die jeweiligen Autoren verantwortlich.

 

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