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Interview

„Letztlich muss nun jedes Unternehmen, das mit Energie zu tun hat, auf die Erneuerbaren setzen“

Foto: Naturstrom

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Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 09.08.22
Fachkräftemangel, Import-Abhängigkeiten, verschärfter Konkurrenzkampf: Naturstrom-Vorstand Oliver Hummel blickt trotz diverser Hürden optimistisch auf die Energiewende.

neue energie: Der Klimawandel und die Notwendigkeit, sich von Energieimporten unabhängig zu machen, sollte eigentlich zu mehr Tempo bei der Energiewende führen. Dennoch scheinen wichtige Bremsfaktoren nicht beseitigt zu sein.

Oliver Hummel: Das stimmt. Ich sehe für die Umsetzung der neuen, äußerst ambitionierten 2030er-Ziele drei Haupthindernisse. Viel zu lange Genehmigungsdauern bei Windprojekten, die aktuellen globalen Lieferengpässe und allgemeiner Personalmangel.

ne: Wie könnte dem Mangel an Fachkräften begegnet werden?

Hummel: Um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen, müssen wir viel stärker versuchen, frühzeitig junge Menschen anzusprechen. Und zwar sowohl in der handwerklichen Ausbildung als auch im akademischen Bereich. Es braucht aber auch eine andere Einwanderungspolitik. In Ländern wie den USA oder Kanada wird geschaut, welche Qualifikationen benötigt werden. Wenn das passt, geht es mit der Staatsbürgerschaft sehr schnell. Deutschland ist für qualifizierte Einwanderer nicht attraktiv genug, zum einen wegen bürokratischer Hürden, zum anderen wegen der noch ausbaufähigen Willkommenskultur.

ne: Welche Lösung sehen Sie bei den Genehmigungen?

Hummel: Der Rechtsrahmen muss sich ändern, damit die Projekte viel schneller genehmigt werden können, was auch auf die Einschränkung der Klagerechte hinausläuft. Das ist bei der Photovoltaik bisher zum Glück noch ein kleineres Problem.

ne: Klingt so, als würden Sie der Photovoltaik größere Chancen beim Ausbau einräumen?

Hummel: Im Windsektor sehen wir sehr viel mehr Hürden, wie etwa Klagen von Windkraftgegnern und zu träge Genehmigungsverfahren. Daher denke ich schon, dass es zumindest kurzfristig im Photovoltaik-Bereich schneller gehen könnte mit dem Ausbau. Ich sehe allerdings erhebliche Risiken in der Abhängigkeit von China. Meines Erachtens muss Europa und Deutschland sich wieder vermehrt eigene Produktionsstätten für PV-Zellen und Module aufbauen. Aktuell kommen über 90 Prozent der Komponenten aus China, das ist bei dieser Mammutaufgabe keine gesunde Ausgangslage. So tauscht man dann eine Abhängigkeit von Russland gegen eine andere von China ein.

ne: Inflation, steigende Anlagenpreise, anziehende Kreditzinsen und Renditeerwartungen der Investoren – in der Branche wird allgemein über steigende Projektkosten geklagt. Wie sehen Sie die Situation?

Hummel: Wie vermutlich überall im Bausektor ist derzeit die Herausforderung groß, die enormen Kostensteigerungen in den Projekten richtig einzuplanen, um später nicht auf den Mehrkosten sitzen zu bleiben. In der Photovoltaik führt das dazu, dass viele neue Projekte jetzt wieder mit Stromgestehungskosten von etwa sieben Cent pro Kilowattstunde gerechnet werden. Vor einem Jahr waren es noch fünf Cent.

ne: Im Windsektor steht dem Kostendruck eine gleichbleibende oder sogar sinkende Vergütung gegenüber – wie beurteilen Sie das?

Hummel: Sollten die Auktionspreise diese Kostensteigerungen nicht berücksichtigen, kann das problematisch werden. Allerdings sind die Strompreise derzeit enorm hoch. Anlagen, die in der Direktvermarktung sind, erhalten eine sehr viel bessere Vergütung, als das mit den gesetzlich festgelegten Tarifen möglich wäre. Damit werden sicher viele Projektierer kalkulieren. Aber natürlich kann man sich darauf nicht verlassen, das kann übermorgen schon wieder alles anders sein.

ne: Das ist ein wichtiger Punkt, es geht mittelständischen Projektierern ja um Planungssicherheit – möglichst über 20 Jahre...

Hummel: An der Stelle kommen verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Anforderungen zusammen. Der Projektierer beziehungsweise Anlagenbetreiber benötigt eine langfristige Bankfinanzierung für das Projekt und möchte eine stabile Rendite über die Zeit erzielen. Die Bank möchte dabei für mindestens zehn Jahre wissen, dass auskömmliche Erlöse erzielt werden können, damit das Ausfallrisiko möglichst gering ist. Ein Stromhändler möchte sich hingegen nicht zu weit vom jeweils aktuellen Marktpreisniveau entfernen und tut sich daher zum Beispiel mit einem Festpreis über zehn Jahre eher schwer.

Ein Großkunde, der den Strom abnimmt, hat hingegen zunehmend oft eine ebenfalls langfristige Sicht. Er möchte eine gewisse Preisstabilität für eine längere Zeit haben, beispielsweise auch für zehn Jahre. Dafür ist er bereit, das Risiko zu tragen, dass sich die Konditionen am Markt in diesem Zeitraum auch vergünstigen könnten. Wenn es nun zum Beispiel Naturstrom gelingt, Projektierer, Betreiber und Endkunde zusammenzubringen, dann bekommen alle Akteure genau das, was sie möchten – einen langfristig abgesicherten Vertrag. Diese Konstruktion wird in den kommenden Jahren immer bedeutender werden.

ne: Erwarten Sie unter diesen Rahmenbedingungen eine Marktkonsolidierung?

Hummel: Die ganzen großen Konzerne drängen in den letzten Jahren zunehmend in den Erneuerbaren-Markt. Es sind ja auch schon eine Reihe kleinerer Unternehmen aufgekauft worden. In den vergangenen Jahren wurde endlich auch den Großkonzernen immer klarer, dass die Zukunft den erneuerbaren Energien gehört. Bei der konventionellen Energie stellt sich nur die Frage, wie lange die Kraftwerke noch laufen dürfen. Letztlich muss nun jedes Unternehmen, das mit Energie zu tun hat, auf die Erneuerbaren setzen. Das sind also nicht nur Eon oder RWE. Da geht es auch um Mineralölkonzerne wie Shell oder Industriekonzerne wie BASF. Die kaufen den Großteil dessen, was am Markt verfügbar ist. Und das macht dem Mittelstand das Leben schwer.

ne: Wie zu hören ist, gerade auch beim Thema Arbeitskräfte…

Hummel. Ja, das ist für mich ein ganz zentrales Thema für die nächsten Jahre. Es gibt einen zunehmenden Wettbewerb um Mitarbeitende. Dabei haben finanzkräftige Großkonzerne Vorteile gegenüber Mittelständlern, zumindest rein ökonomisch. Kleinere Akteure wie wir müssen sich also umstellen, noch attraktiver werden. Es geht dann dabei auch um weiche Faktoren, wie sie uns bei Naturstrom immer schon wichtig waren: Macht die Tätigkeit des Unternehmens und die eigene Tätigkeit Sinn? Ist das Unternehmen glaubwürdig? Geht man gut miteinander um und ist offen für neue Ideen, auch bei der Form des Arbeitens? Zieht man im Unternehmen an einem Strang und passt die Unternehmenskultur zu den aktuellen Anforderungen und Wünschen der Mitarbeitenden und des Marktes? Wenn das gelingt, muss der Mittelstand den Wettbewerb mit den Konzernen auch weiterhin nicht scheuen.

ne: Nochmal zum regulatorischen Rahmen. In Teilen der Branche gibt es noch immer Akteure, die sagen, die Ausschreibungen müssten wieder weg.

Hummel: Für größere Projekte machen die Ausschreibungen meines Erachtens Sinn. Aber es ist sinnvoll, dass der Gesetzgeber die Mindestschwelle für die Teilnahme an Ausschreibungen auf Projekte ab einem Megawatt heraufgesetzt hat und Bürgerenergieprojekte künftig sogar bis zu einer Leistung von sechs Megawatt bei Solaranlagen beziehungsweise 18 Megawatt im Windenergiebereich ausschreibungsfrei realisiert werden können. Für Bürgergesellschaften oder kleinere, privat finanzierte Projekte ist das wichtig. Und da bieten sich dann natürlich auch Chancen für Mittelständler.

ne: Insgesamt steht das aktuelle Markdesign in der Kritik. Wie beurteilen Sie das?

Hummel: Ja, das aktuelle Marktdesign passt auch perspektivisch nicht mehr zur gegebenen Situation. Die Kosten der Erzeugung haben mit den derzeit sehr hohen Strompreisen nichts zu tun. Ich denke, die Diskussion um Contracts for Difference für neue Projekte hat ihre Berechtigung. Dem liegt ja eine Art Versicherungslogik zugrunde. Der Staat garantiert eine bestimmte Höhe der Vergütung und ermöglicht Planungssicherheit. Kommt es beim Betreiber andererseits zu Mehreinnahmen, möchte der Staat davon einen guten Schluck abbekommen. Das finde ich grundsätzlich gerechtfertigt. Auch eine Sondersteuer für enorme Extragewinne, wie sie einige Marktakteure aktuell erzielen, finde ich gerechtfertigt, nicht nur für Betreiber erneuerbarer Energien, sondern gerade auch für Kohlekraftwerks- und Atomkraftwerksbetreiber, die sich in letzter Zeit eine goldene Nase verdient haben.

ne: Wenn Sie bei alldem ein Zwischenfazit ziehen – wie bewerten Sie den momentanen Ausblick für die Energiewende?

Hummel: Natürlich geht alles langsamer, als wir uns das wünschen. Mein Eindruck ist aber, dass die aktuelle Bundesregierung es mit der Energiewende viel ernster meint als früher und handeln wird. Minister Habeck hat erklärt, er wolle sich am Erfolg der neuen Energiepolitik messen lassen. Ich denke also nicht, dass die Politik untätig bleibt, wenn die Ausschreibungen ständig unterzeichnet sein sollten. Andernfalls würden wir den notwendigen Ausbaupfad nicht erreichen. Ich bin also trotz aller Herausforderungen optimistisch.


Oliver Hummel

ist seit 2011 Vorstandsmitglied beim Ökoenergieversorger Naturstrom und dort verantwortlich für den Bereich Energiebelieferung.

 

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