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Analyse Ausbau Stromnetz

Das Potenzial ist „bei weitem nicht ausgeschöpft"

Foto: picture alliance/Patrik Stollarz/dpa

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Jörg-Rainer Zimmermann, 08.01.20
Schneller, effizienter könnten der Netzausbau und die Optimierung der bestehenden Trassen vorankommen. Nachzulesen ist das in einer Ausarbeitung zum „Aktionsplan Stromnetz“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Papier macht auch die Versäumnisse deutlich. Wird es deshalb nicht veröffentlicht?

Es ist längst zum Mantra der Energiewende geworden. In fernöstlichen Religionen werden Mantras, heilige Verse, immer wieder und wieder rezitiert, um die spirituelle Kraft des Gesagten im Hier und Jetzt zu manifestieren. Ungefähr so wirkt die politische Botschaft von Peter Altmaier, die er seit 2012, damals noch Umweltminister, immer wieder aussendet: Der Ausbau der erneuerbaren Energien – besonders der Windenergie – muss dem Netzausbau folgen.

Was aber ist bei genauer Betrachtung dran an der eingängigen Gleichung des heutigen Wirtschaftsministers, der aufgrund des bekanntlich viel zu langsamen Trassenbaus im Jahr 2018 Eckpunkte für einen „Aktionsplan Stromnetz“ erarbeiten ließ? Die Lektüre der rund 100 Seiten umfassenden, bislang unveröffentlichten Ausarbeitung zum besagten „Aktionsplan“, die im vergangenen Jahr erstellt wurde und neue energie im Entwurf vorliegt, macht deutlich: Die Energiewende – für die mehr Netzkapazität tatsächlich wichtig ist – kommt aufgrund einer Reihe von Versäumnissen der verantwortlichen Akteure nicht voran.

Der Reihe nach. Eingeprägt hat sich Altmaiers Netzformel nicht nur bei Windkraftgegnern – zu finden in Kreisen der Politik und in der Öffentlichkeit. Sie steht auch im Ehevertrag der aktuellen Großen Koalition und spielte eine ganz konkrete Rolle bei der Festlegung einer bundesländerübergreifenden Region, in der der Bau neuer Windparks streng limitiert ist. Die Rede ist vom sogenannten Netzausbaugebiet, das 2017 für den nördlichen Teil Niedersachsens, Bremen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern ausgerufen wurde. Jährlich durften dort in den Ausschreibungen Zuschläge mit maximal 902 Megawatt vergeben werden.

Würden die für neue Windparkprojekte vorgesehenen Ausschreibungsvolumen tatsächlich ausgeschöpft, wäre der im Netzausbaugebiet geltende Zubaudeckel ein zusätzliches Hindernis bei der Steigerung der Windstromproduktion. Diese Vorgabe sollte sogar noch einmal zeitlich verlängert, verschärft und das Gebiet geographisch neu definiert werden, was jedoch durch einen Widerspruch des Bundesumweltministeriums blockiert ist. Der Ausgang der anstehenden Ressortabstimmung war vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe offen. In den betroffenen Bundesländern haben die zuständigen Ministerien wenig Freude an diesem Hemmnis des Erneuerbaren-Ausbaus, das letztlich mit verhindern könnte, dass die nationalen Klimaschutzziele für 2030 erreicht werden.

Kaum Anreize für Netzbetreiber

Beide Themen betreffen etwa das Ressort des niedersächsischen Umweltministers Olaf Lies (SPD). Und der bezweifelt vehement, dass die von Altmaier proklamierte Synchronisation von Netz- und Erneuerbaren-Ausbau ein präzise steuerbares Instrument sein kann. Auf die Frage, welche Netzkapazitäten erforderlich seien, damit das Netzausbaugebiet für Niedersachsen überflüssig werde, verweist er auf die Umsetzung der Trassenprojekte des Energieleitungsausbaugesetzes: „Diese Projekte dürften bis spätestens 2024 fertig werden“, sagt Lies. Dabei werde aber klar, dass es nicht möglich sei, Erneuerbaren- und Netzausbau jahresscharf zu synchronisieren. „Das geht nur auf Sicht einer Dekade. Bei Windparks, gerade offshore, haben wir es mit langen Planungsvorläufen zu tun. Könnten wir also mit dem weiteren Windparkbau erst 2023 oder 2024 beginnen, würden wir die Ziele für 2030 garantiert verfehlen.“

Dass der ebenfalls planungsintensive Netzausbau hinterherhinkt, dokumentiert die zuständige Bundesnetzagentur (BNetzA) in ihrem jährlichen Monitoringbericht. Insgesamt sind hierzulande Trassenprojekte mit einer Gesamtlänge von 7700 Kilometern durch das Energieleitungsausbau-und das Bundesbedarfsplangesetz vorgegeben. Im Bericht von 2018 wurde die Fertigstellung von erst 950 Kilometern gemeldet (Stand 3. Quartal 2018). Allerdings wurden darin Hoffnungen geweckt, dass bis 2020 rund 1560 Kilometer realisiert sein könnten. Der am 29. November 2019 von der dem Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) unterstellten Behörde veröffentlichte Folgebericht bestätigte jedoch die Realisierung von nur 1150 Kilometern (Stand 2. Quartal 2019). Ob in den verbleibenden zwei Quartalen 400 Kilometer fertiggestellt werden konnten, wurde bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht mitgeteilt.

Neben dem Trassenneubau hat die BNetzA seit einiger Zeit den Blick verstärkt auf Maßnahmen zur Netzertüchtigung gelenkt. Auch dafür gibt es eine Sprachformel: Netz-Optimierung vor Verstärkung vor Ausbau, kurz: Nova. Schließlich ist das Aufrüsten der Netze schneller machbar als der Neubau. Was dahingehend technisch so alles möglich ist, wurde seitens des BMWi und der BNetzA am 14. August 2018 der interessierten Öffentlichkeit erklärt. An diesem Tag stellte Peter Altmaier in Bonn den besagten „Aktionsplan Stromnetz“ in ersten, groben Zügen vor.

Kenner der Materie schüttelten angesichts der aufgelisteten Technologien jedoch sofort resigniert die Köpfe: Freileitungsmonitoring – mittels Digitalisierung in Echtzeit möglich –, wie auch der Einsatz von Hochtemperaturleiterseilen und Phasenschiebern, über solche Maßnahmen der Netzoptimierung wurde teils schon seit einem Jahrzehnt geredet. Warum es jetzt schneller gehen sollte mit den Transportkapazitäten der Trassen, blieb im Vagen. Auch nach dem Bonner Termin.

Dafür gibt es einen wichtigen Grund: Das zentrale Problem der Netzoptimierung sind die Finanzen. Bislang bestehen für die Netzbetreiber kaum monetäre Anreize, das Nova-Prinzip umzusetzen und die Kosten für das sogenannte Engpassmanagement zu senken. Selbst die beschlossenen Neubautrassen so schnell wie möglich in Betrieb zu nehmen, ist für den Netzbetreiber eigentlich nicht sonderlich interessant. Was bedeutet das für den Ausbau des Übertragungsnetzes in Deutschland ganz grundsätzlich? Ganz einfach: Verzögerungen.

Pauschaler Sicherheitspuffer

Ginge man das Rendite-Thema entschlossen an, würde dies zudem allen Stromkunden – Industrie, Mittelstand, Privathaushalte – viel Geld sparen. Wurden für die nötigen Maßnahmen des Engpassmanagements im Jahr 2012 noch 224 Millionen Euro ausgegeben, ist die Gesamtsumme in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen – 2018 lag sie bei rund 1,4 Milliarden Euro. Geld, das sich die Netzbetreiber über die Netzentgelte von den Stromkunden zurückholen. Diese Summe könnte drastisch sinken, wenn die Netze optimiert würden. Um die Motivation zur Netzoptimierung zu steigern, wäre es nötig gewesen, die Änderung der Anreizregulierungsverordnung schnell und konsequent durchzuziehen.

Das liegt in den Händen von Peter Altmaier und BNetzA-Präsident Jochen Homann. Im August 2018 wurden beide an diesem Punkt jedoch wenig konkret – man müsse noch Gespräche führen, mit den betroffenen Netzbetreibern wie auch mit den Vertretern der Länder, hieß es. Dass sich seither wenig Greifbares getan hat, ist in Koalitionskreisen zum Zankapfel geworden. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff etwa forderte im Dezember in einem Interview mit diesem Magazin, dass die Anreizregulierungsverordnung überarbeitet „und mit den Übertragungsnetzbetreibern deutlich mehr Verbindlichkeit“ vereinbart werden müsse.

Welche Potenziale die Netzoptimierung heben könnte, deutete Saathoff in einem offenen Brief an, den er nach Bekanntwerden der Massenentlassungen beim Windradbauer Enercon veröffentlichte. Tatsächlich werde das deutsche Übertragungsnetz derzeit nur zu durchschnittlich 27 Prozent genutzt, heißt es in dem Schreiben. Dieser Aussage des Mitglieds im Parlamentsausschuss für Wirtschaft und Energie wurde in weiterer Folge von keiner Seite widersprochen.

Wie aber passt diese geringe Auslastung der bestehenden Netze zu Altmaiers Forderung, der Erneuerbaren-Ausbau müsse sich am Netz orientieren – wie auch zu der Idee eines Netzausbaugebiets in Norddeutschland? Einige Antworten auf diese Frage finden sich in der eingangs erwähnten Langfassung zum „Aktionsplan Stromnetz“, an dem Vertreter der Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber sowie des BMWi mitgewirkt haben. Die Experten, die es wissen müssen, lassen keinen Zweifel daran: Neben dem unumgänglichen Trassenneubau kommt der Optimierung der Netze eine gewichtige Rolle zu.

Tatsächlich ist das deutsche Stromnetz aus Gründen der Versorgungssicherheit überdimensioniert ausgelegt. Damit lassen sich kritische Momente der Überlastung weitgehend vermeiden. Die „Sicherheitspuffer“ machten die „betriebsmittelscharfe“ Erfassung des Netzzustands in Echtzeit bislang nicht erforderlich. Die Grenzen der Netzstabilität seien „in der Regel deutlich unterschritten“ worden, heißt es in dem Papier.

Wie das möglich wurde, macht folgende Passage klar – und zeigt dabei auch, welche Bedeutung das Freileitungsmonitoring in Echtzeit haben kann: Um zu verhindern, dass die Betriebsmitteltemperatur überschritten wurde, habe man in der Vergangenheit die „maximale Belastung der Freileitungen für windstille Hochsommerwetterlagen“ errechnet. Solche Situationen kommen im Laufe eines Jahres aber nur über wenige Stunden hinweg vor. Dieses Vorgehen habe jedoch für ausreichend Betriebssicherheit gesorgt, „ohne die Temperatur der Leitungen genauer nachmessen zu müssen“. Wenn man die Situation im Netz jedoch kennt, Wind aufkommt und die Außentemperaturen fallen, dann können die Leitungen auch höhere Ströme aufnehmen. Diese Technik sei „erprobt“, so die Autoren. Doch das Potenzial werde von den Betreibern der Übertragungsnetze „sehr unterschiedlich genutzt“. Und „bei weitem nicht ausgeschöpft“.

Breite Palette von Maßnahmen

Das Ganze kann funktionieren, ohne dass dabei die Versorgungssicherheit aufs Spiel gesetzt werden muss. Dafür sollen intelligente, digitale Instrumente sorgen. Der Effekt: Unter Berücksichtigung der tatsächlichen Wind- und Temperaturbedingungen könne in einem Großteil des Jahres theoretisch eine um 50 bis 100 Prozent höhere Transportkapazität genutzt werden, heißt es in dem Papier. Und all das sei kurzfristig umsetzbar, innerhalb von zwei bis vier Jahren, erklären die Autoren an anderer Stelle. Unabhängige Experten haben dies seit langem betont. Dass die bekannten Möglichkeiten der Netzoptimierung nicht ausgeschöpft werden, ist angesichts der gerissenen Klimaschutzziele für 2020 jedoch ein echter Skandal. Dazu kommen die bereits verlorenen Jobs in der heimischen Windbranche – und deren künftige Perspektiven im globalen Haifisch-Markt.

Unstrittig ist – auch das führen die Autoren aus – dass der Abstimmungsbedarf zwischen der Vielzahl von Akteuren hoch ist, neue Technologien auf teils unbekanntes Terrain führen und mit dem Akzeptanzthema umgegangen werden muss. In die Abstimmungsprozesse sind deshalb Vertreter des BMWi, der BNetzA, der Forschung, der Übertragungs- und Verteilnetzbetreiber, einiger Energieverbände sowie auch die betroffenen Menschen vor Ort eingebunden. Zudem geht es darum, das Netz im immer wichtiger werdenden europäischen Verbund zu denken und zu planen.

Auch muss im Rahmen der Sektorkopplung über Schnittstellen zwischen Strom- und Gasnetz und über die Einbindung von Speichern sowie Smart-Home-Anwendungen gesprochen werden. Und das alles mit dem genannten Ziel, künftig die Betriebsführung der Netze weitgehend automatisiert zu bewältigen, um von einer präventiven hin zu einer zunehmend reaktiven Netzsteuerung zu gelangen, was nur mit digitalen Lösungen möglich ist. Ganz sicher, das geht nicht von heute auf morgen.

In dem Papier ist deshalb eine breite Palette sehr konkreter Maßnahmen benannt, inklusive zeitlicher Vorgaben zur Umsetzung – diese Liste hätte Experten im August 2018 mit Sicherheit überzeugen können. Die Themen reichen von der Kapazitätssteigerung im Bestandsnetz und dem Engpassmanagement über die Anpassung des rechtlich-regulativen Rahmens (auch der finanziellen Anreize) bis hin zur Bürgerbeteiligung.

Hier nur einige Beispiele:

– Bis zum 30. Juni 2020 sollen die nötigen Anforderungen und Standards für die dynamische und thermische Erfassung des Netzzustands sowie die Online-Assistenzsysteme festgelegt werden, insbesondere hinsichtlich des regelzonenübergreifenden Netzbetriebs.

– In mehreren konkreten Schritten soll der witterungsabhängige Freileitungsbetrieb durch die Übertragungsnetzbetreiber in den Jahren 2019 bis 2021 umgesetzt werden.

– Eine AG „Netzbetreiberübergreifende Optimierung der Stromnetze“ soll bis Ende 2020 ein Leitbild „Stromnetzbetrieb 2025-2035“ erarbeiten.

– Bis zum 1. Oktober 2021 soll ein einheitliches Redispatchregime zur Engpassbehebung (inklusive Erneuerbaren und KWK-Anlagen) umgesetzt sein.

– Der Branchendialog zur Weiterentwicklung der Anreizregulierung soll bis Ende 2019 fortgesetzt werden. Anschließend soll ein Rechtsetzungsverfahren durch das BMWi erfolgen.

Anlass zu Spekulationen

Warum die Veröffentlichung des Papiers, das an vielen Stellen den Finger in die Wunde legt, dem Vernehmen nach nun doch nicht erfolgen soll, darüber kann nur spekuliert werden. Ist die Wunde einfach zu tief? Wie das Papier auch verdeutlicht, scheinen viele der Maßnahmen längst zu in Umsetzung zu sein – aber die konkreten Zeitpläne bauen hohen Handlungsdruck auf.

Auch könnte es sein, dass sich die Rolle des Bundes künftig ändert. Zum Jahreswechsel gab es erneut Spekulationen um die Gründung einer staatlich kontrollierten Deutschen Netzgesellschaft. Bereits heute hält die Kreditanstalt für Wiederaufbau, kurz KfW, einen 20-Prozent-Anteil an dem Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz. Die Grünen befürworten solche Beteiligungen an Netzgesellschaften. Und die neue SPD-Spitze scheint die Verstaatlichung vorantreiben zu wollen. Sollten tiefgreifende, systemische Umwälzungen tatsächlich anstehen, wären die betroffenen Institutionen zunächst einmal mit sich beschäftigt. Der „Aktionsplan Stromnetz“ jedoch zeigt Wege auf, wie die Energiewende endlich schneller laufen könnte – mit den bestehenden Strukturen. Könnte der Maßnahmenplan in einer neu geordneten Netzwelt zum Störfaktor werden?

Oder liegt es einfach an einem veränderten Verhältnis zwischen Netzbetreibern und dem BMWi? Auf beiden Seiten gab es in den letzten Monaten einige personelle Veränderungen. Bekanntlich setzen neue, hochrangige Akteure gerne andere Schwerpunkte. Wurde der auf den Übertragungsnetzbetreibern lastende Druck vom BMWi erneut reduziert?

Wie auch immer – das Papier zum „Aktionsplan Stromnetz“ benennt sehr konkret, was möglich ist. Und was nötig ist, um die Energiewende zu einem Erfolg zu machen. An diesem Ziel sollte sich der Netzausbau orientieren. Und damit alle, die bei dem Thema Verantwortung tragen.

 

Dieser Artikel ist zuerst in der Ausgabe 01/2020 von neue energie erschienen. Aktualisiert am 10. Januar 2020.


 

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